Veit Hofmann
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Anemophile





Veit Hofmann, Deutschland: »Anemophile«
Holz, Japanpapier; Fotos: CH-Foto


 

Michael Nungesser

Die aus bemaltem Japanpapier über Holzkonstruktionen gebildeten »Anemophile« von Veit Hofmann schweben über dem Flüchtlingszug von Helen Escobedo, die Flüchtlinge können sie nicht sehen. Der 1944 in Dresden-Loschwitz geborene Künstler Hofmann hat in Dresden bei Gerhard Kettner und Herbert Kunze studiert und ist seit 1972 freischaffend tätig. Sein Atelier befindet sich im berühmten Künstlerhaus in Dresden-Loschwitz. Neben der Malerei beschäftigt sich Hofmann vor allem mit graphischen Techniken und Collagen aus Bildelementen. Mit Otto Sander Tischbein hat er die auf einen zwischenkünstlerischen Dialog angelegte Telefonkunst für die damalige DDR ins Leben gerufen, bei der »durch die Inspiration des Anderen das Eigene sichtbar wird, bei dem die Erinnerung als vitales und Identität evozierendes Element in Erscheinung tritt«1. Von expressiv-figurativen Anfängen ausgehend, gelangt er zu einer eigenen vielstimmigen, zwischen den Gattungen changierenden Kunst. »Veit Hofmann abstrahiert keine Gegenstände aus der Natur oder dem täglichen Leben, sondern schafft sich aus Phantasie geborenen Formen zugunsten einer reinen Malerei seine eigene Welt, in der emotionale Tiefe, aber auch viel Spielerisches und Traumwandlerisches zum Ausdruck kommt und das urmenschliche Bedürfnis nach Träumen und Visionen anschaulich wird.«2

Eine Besonderheit von Hofmanns malerischer Kunst liegt in ihrer Tendenz zur Expansion; das schließt Buchübermalungen, Möbelobjekte und Rauminstallationen ein, die eine enge Bühnen- und Musikbezogenheit aufweisen. Hofmann hat Räume ganzseitig ausgemalt oder mit beidseitig bemalten, quer durch den Raum aufgehängten Bildfahnen als Gesamtkörper in Anspruch genommen. Literarische Anregungen, die sein Werk häufig bestimmen, führten zu den flugdrachenähnlichen »Anemophilen«, die wie Mobile von der Decke hängen. Die »Luftreise« des antiken griechischen Dichters Lukian inspirierte die schwebenden Phantasiegebilde, deren Benennung sich von der Anemone, dem Windröschen, ableitet. Es sind unregelmäßig konturierte und teils leicht gekrümmte Bildkörper, vom Künstler in einem komplexen Arbeitsprozess hergestellt: »Aus weichem Pappelholz sägte Veit Hofmann frei und ohne Vorzeichnung mit der Handsäge die einzelnen Grundformen der Anemophile, die er hernach mit Japan Papier – einem besonderen, aus den Kozo-Fasern gewonnenen schneeweißen Papier, welches in der Sonne immer weißer wird – kaschierte, mit Gummiarabikum behandelte, um auf diese Weise das die Konzeption bestimmende Durchscheinen zu gewähren und um an den mit Aquarellfarben behandelten Objekten die erwünschte Farbigkeit zu gewinnen. Feine Silberdrähte unterstützen das Windbewegte der Anemophile, die Libellen ähnlich emporsteigen...«3

Die weit über den Köpfen der Besucher aufgehängten »Anemophile« nehmen sich die Freiheit, ein Stück des immensen Luftraumes einzunehmen und dem Innenraum, der trotz aufstrebender Konstruktions-elemente massiv und des feuchtkühlen Gesteins wegen ein wenig ungemütlich wirkt, etwas von Heiterkeit und Leichtigkeit zu vermitteln. Angesichts ihrer Platzierung über dem Flüchtlingszug erinnert man sich der Geschichte von den Drei Weisen aus dem Morgenland, die dem Stern von Bethlehem folgen. Hier aber ergibt sich kein Bezug. Hier existieren die Schar der Wandernden und die luftige Erscheinung nebeneinander in zwei getrennten Welten. Die mit zeichenhaft-skripturalen Formen besetzten Luftkörper, die je nach Standpunkt der Betrachtung andere Ansichten aufweisen, sind Traumgestirne, Kunst-

Gebilde, Erzeugnisse der Imagination, Farbgaukeleien, die sich nicht nur gegen das Strenge und Lastende der Architektur wenden, sondern ihre Flug-Poesie allem Vorgeformten und Vorgedachten, Richtlinien und Regelwerken, Denkschulen und Ideologiegebäuden entgegen setzen.

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1 Herbert Dellwing: Zur Einführung, in: Ausst.-Kat. Veit Hofmann. Bild – Raum. Raum

– Bild, Kunstverein Speyer, Speyer 2000, S. 7-10, hier: 7.

2 Ebd.

3 Reinhild Tetzlaff: Rede zur Ausstellungseröffnung, in: Ausst.-Kat. Veit Hofmann. Anemophile, Neuer Sächsischer Kunstverein, Dresden 2002, o.P.