Helen Escobedo
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Flüchtlinge







Helen Escobedo, Mexiko: »Flüchtlinge«
Textilien, Maschendraht, Holz; Fotos: Udo G. Cordes (1), CH-Foto (2/3/4/5)


 

Michael Nungesser

Die Flüchtlinge von Helen Escobedo nehmen das Feld zwischen den Arbeiten von Wendisch und Cordes ein. Sie stellen in ihrer horizontalen Ausdehnung gleichsam einen Kontrapunkt zu ihnen dar. Escobedo, 1934 in Mexiko-Stadt geboren, hat dort bei Germán Cueto und danach in London unter anderem bei Leon Underwood Bildhauerei studiert. Sie lebt und arbeitet in Mexiko-Stadt, seit 1981 auch in Hamburg und jetzt in Berlin. Neben ihrer künstlerischen Arbeit war sie Museumsdirektorin und Ausstellungskuratorin. Nach figurativ-expressiven Anfängen in Bronze, wandte sich Escobedo ab Ende der sechziger Jahre vor allem Werken in geometrischen Formen zu, die Architektur, Skulptur und Design miteinander verknüpften. Ab Mitte der achtziger Jahre gestaltet sie hauptsächlich ephemere Rauminstallationen, in denen die Zerstörung von Natur und Umwelt sowie Probleme von Tod, Krankheit, Armut und Migration im Vordergrund stehen.1

Die Installation »Flüchtlinge« besteht aus 61 an-thropomorphen Figuren, aus hölzernen Füßen und aus Maschendraht geformten, textil drapierten geschlechtslosen Körpern. So bunt auch die aus unterschiedlich gemusterten Tuchabfällen bestehende Kleidung erscheinen mag, im Ganzen wirkt sie grau und ärmlich, flickenhaft und behelfsmäßig: ein dürftiger Schutz für Menschen in Notlage. Auch die gekrümmte Haltung und Gesichtslosigkeit unterstreicht das Bedrückende und Hilflose der Situation, mildert das Unheimliche und Angst Machende dieser Bettelgestalten. Fast hat es den Anschein, sie seien dem Eintretenden scheu zur Seite gewichen und hätten zwei Gruppen gebildet: eine große, sich in gekrümmter Linie fast durch das gesamte Mittelschiff ziehende zur Linken, eine kleine zur Rechten. Der breite Gang dazwischen bleibt frei. Die Flüchtlinge ziehen dahin, in eine Richtung zwar – und doch ziellos, hoffnungslos, stockend. »Schmale, dünne Gestalten, die eine faszinierende Wirkung von Ernst, Wichtigkeit und Präsenz ausüben.«2 Der Blick ist nicht nach oben gerichtet wie der des »Mondguckers«, der Weg führt nicht ins Hohe und Lichte. Woher die Flüchtlinge kommen, wohin sie ziehen, es bleibt offen.

Flüchtlingsströme bestimmen die Menschheitsgeschichte. Vor über einem halben Jahrhundert sind Polen vertrieben worden und Deutsche, Grenzen haben sich verschoben, Machtblöcke gebildet, Unrecht ist geschehen, das die Nachfahren erst mühsam durch Versöhnung verarbeiten müssen. Flüchtlingsströme lassen die Erde auch heutzutage nicht zur Ruhe kommen. Und doch ist es eine geradezu tödliche Ruhe, die oftmals das Bild der hungernden und ausgemergelten Opfer von Vertreibung bestimmt. Auch Escobedos Zug der Entrechteten als Raum-Bild gewordene Metapher verbreitet drückendes Schweigen. Die Gestalten sind sichtbar jedoch, die sich hier alptraumhaft wie eine verschreckte Herde zum Bußgang formieren, anders als die Vielen, auf die sie stellvertretend verweisen, die oft einzeln, versteckt, isoliert, unter Lebensgefahr ihren angestammten Lebensraum verlassen müssen. Flüchtlinge – das sind die Anderen, die kein Gesicht haben, wenn wir ihnen es nicht geben.

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1 Vgl. Graciela Schmilchuk: Helen Escobedo: Pasos en la arena, México, D.F./Madrid:

Consejo Nacional para la Cultura y las Artes, Difusión Cultural-Universidad Nacional Autónoma de México, DGE/Turner 2001.

2 Gudrun Angelis: Helen Escobedo, in: Ausst.-Kat. wegZiehen. Der weibliche Blick auf Migration in Kunst und Wissenschaft, Bonn, Frauen Museum 2001, S. 26.