Udo G. Cordes
Gefördert durch:

GoetzenHaus







Udo G. Cordes, Deutschland: »GoetzenHaus«
7,22 x 6,20 x 4,40 m; Fotos: CH-Foto


 

Michael Nungesser

Das GoetzenHaus von Udo G. Cordes nimmt den Brückenbau zwischen dem Hier und Dort auf (zugleich zum zweiten Ausstellungsprojekt der die Oder flankierenden GoetzenHäuser), mit abstrakt-symbolischen Mitteln. Cordes wurde 1947 in Röllinghausen geboren und hat in Hagen und Berlin studiert. Seit 1978 ist er als freier Bildhauer tätig. Seine bildhauerische Arbeit basiert auf einer präzise durchdachten Formensprache von Konstruktivismus, Konkreter Kunst und Minimal Art. In ihr »ist die Priorität der Materialien ebenso zu finden (Stahl-Stein) wie die Zusammenführung (liegen-stehen, stürzen-stützen) einschließlich deren ultimativer Unvereinbarkeit bis hin zu einem offenen Dritten, welches sich erst in der Phase der Interpretation ergeben kann«1. Neben dem Tor bildet die Treppe ein von Cordes gewähltes durchgängiges Motiv, auf das ihn vor einigen Jahren eine zufällige Begegnung gestoßen hatte. So fand er einmal mitten auf einer Wiese der Insel Hiddensee ein Treppenstück, das vermutlich einem Haus entnommen war. Es lag einfach da, ohne dass sich ein Warum, Woher oder Wozu ergeben hätte: so völlig aus dem Kontext gerissen ein faszinierender, die Phantasie anregender Fund mit Folgen.

In mehreren früheren Skulpturen von Cordes kommt die Treppe als Zeichen vor – auch das Motiv des Hauses. Bei der Installation in der Friedenskirche tritt die architektonische Erscheinung stärker in den Vordergrund, aber ohne funktionale Konsequenzen (das »GoetzenHaus« ist nicht wirklich begehbar). Auch hier überwiegt das Symbolische. Die Treppe und das einem Hochstand ähnelnde Haus, die aus weiß angestrichenem Holz bestehen, beruhen auf stereometrischen Grundformen. Die steil nach oben führende bloße Stufenreihung kann nicht betreten werden; sie führt am Haus vorbei und endet im Nichts. Das fensterlose Haus in luftiger Höhe besitzt lediglich einen türähnlichen Zugang; er ist leicht geöffnet und lässt einen Lichtschein, der aus dem Inneren kommt, erkennen. Die Skulptur erweist sich, angeregt durch eigene kindliche Erinnerungen, als ein Bild des Scheiterns – oder weniger pessimistisch: als die Anstrengung, dieses anschaulich zu machen und aus dem Bewusstwerden und Reflektieren nach neuen Wegen zu suchen.

Die Gestaltung beruht auf formpuristischen Grundsätzen, ohne Bezüge auf die Welt der Erscheinungen auszuschließen. Cordes’ Werke haben »mehr zu bieten als ein strenges Formenkonzept«, sie verweisen auf das »Geistige«, das »Höhere«, auf Werte und das »Bewusstsein von Reinheit und Freiheit«2. Nicht zuletzt der Ort mag zu dem Gedanken führen, die Treppe als Himmelsleiter zu verstehen und das Licht aussendende Haus als die Stätte des erleuchtenden Glaubens. Doch eine religiös gebundene Interpretation stellt nur eine von vielen Möglichkeiten dar. Es geht um mehr: um die Loslösung vom mechanischen Vollzug des Alltagslebens, das nur durch Gedankenflug existenzielle Bedeutung und Erfüllung erhält. Die Treppe als Verbindung unterschiedlicher Ebenen ist eine Metapher für das Nachdenken über Woher und Wohin, über Sinn und Zweck unseres Daseins. Klare Wege kann sie nicht weisen, Ziele nicht verheißen, aber Ausblicke geben und neue Horizonte aufscheinen lassen – gleichsam den Geist in Hochstimmung versetzen.

_____

1 Armin Hauer: Dialog mit dem Unwägbaren, in: Ausst.-Kat. Udo G. Cordes. Treppen,

Museum Junge Kunst, Franfurt (Oder) 1998.

2 Christiane Bühling-Schultz: Lieber Freund…, in: ebd.