TRAK Wendisch
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Mondgucker







TRAK Wendisch, Deutschland: »Mondgucker«
3,40 x 2,70 x 2,70 m; Holz, gebrannt, Bronze, Papier; Fotos: CH-Foto


 

Michael Nungesser

Da die Frankfurter Friedenskirche nur durch das Hauptportal zugänglich ist, bildet die Skulptur von TRAK Wendisch die erste Begegnung mit der Ausstellung »Kein Bild ist wahr«. Der 1958 in Berlin geborene Künstler, wo er auch heute lebt und arbeitet, hat in Leipzig bei Dietrich Burger und Bernhard Heisig Malerei studiert und war Meisterschüler bei Gerhard Kettner in Dresden. Neben Malerei und Zeichnung steht für ihn seit rund zwanzig Jahren gleichberechtigt die Bildhauerei. Wendisch arbeitet vorwiegend in Holz, das zu höchst feingliedrigen Figurenzeichen verschlankt wird. »Wendischs Figuren sind überhaupt keine Plastiken im ursprünglichen Sinne. Sie sind der Zeichnung entsprungene Materialisationen: Er übersetzt die Flächenmotive seiner künstlerischen Herkunft in das Körperbefinden seiner gelebten Gegenwart.«1 Die Figur des 1994 entstandenen »Mondgucker« (die älteste Arbeit der Ausstellung) ist aus feuergeschwärztem Holz, Bronze, der Metallreifen ist mit Papier bespannt und von oben hinterleuchtet2.

Wendisch hat Elemente seiner neoexpressiven Malweise auf die Skulpturen übertragen, die in ihrer gelängten Form nicht nur Verwandtschaft mit gotischer Bildnerei aufzeigen, sondern vor allem auf archaische Kunstepochen zurückweisen. Auch lassen sich in seinem Werk immer wieder Bezüge zu religiöser Thematik erkennen, etwa in den an Kreuzigungen erinnernden »Insider«-Skulpturen (1996) und den an Grab- oder Schweißtücher gemahnenden Wachsbildern auf Papier (1997).3 Der »Mondgucker« scheint vor allem wegen seiner Raum füllenden Dimension wie geschaffen für die kleine Vorhalle. Er ist in ihrer Mitte (zugleich auf der Mittelachse des Gesamtgebäudes) platziert, so dass die Besucher um ihn herumgehen müssen. Auf Grund der stilisierten Darstellung der Figur erscheint die untere Hälfte der fast bis zur Decke reichenden Gesamtskulptur – das auf einer Sockelplatte stehende eng aneinander liegende Beinpaar – auf den ersten und meist wohl nach vorne gerichteten Blick wie ein architektonisch zeichenhaftes Element. Erst bei näherer, das Gesamte ins Auge fassender Betrachtung, die sich unwillkürlich mit einer Aufwärtsbewegung verbindet, ergibt sich das Motiv zu erkennen. Der »Mondgucker«, in symmetrisch komponierter aufrechter Haltung und mit weihevoll erhobenem Armgestus, ist eine extrem schlanke, zeichenhafte Gestalt. Sie scheint das kalte Gestirn (das real in seiner vollen Größe mit den dunklen kontinentalen Flecken der Erde so sehr gleicht) wie eine Schale zu halten. Das nach oben gerichtete Gesicht macht hingegen die Guckhaltung deutlich, die im Titel angesprochen wird. Der Mond als ferner, in der Menschheitsgeschichte bis vor kurzem noch scheinbar physisch unerreichbarer Planet nimmt als Himmelsbewohner in metaphorischer Umsetzung noch immer die Form eines gottähnlichen Wesens ein. Allgemeiner steht die Betrachtung des Mondes für Kontemplation und Besinnung in träumerischem Gewand, denn der Mond gibt sich in der Nacht zu erkennen, gleichsam der Ruheperiode menschlichen Lebens. Der Zustand des »Mondguckers« könnte dabei dem des Künstlers bei der Arbeit gleichen, der dann zufrieden ist, »wenn ich das Vergehen von Zeit nicht mehr fühle« und damit einen Zustand erreicht, den er als »eine Art Schwerelosigkeit, einem Urrauschen angenähert«4, beschreibt. Die Befreiung von der Erdenschwere nähert sich der Ekstase – ein Versuch, sich vom Irdischen zu lösen.

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1 Michael Freitag: Design der Erinnerung, in: Ausst.-Kat. TRAK Wendisch. Übergänge, Dortmund: Harenberg Edition 1995, S. 7-12, hier: 8

2 Gleichzeitig schuf Wendisch auch eine »Mondfrau«. Abb. in: ebd., S. 187

3 Vgl. die zahlreichen Abb. in: Ausst.-Kat. TRAK Wendisch. Schaedelbalance, Galerie Tammen & Busch, Berlin 1997.

4 Konzert der wartenden Söhne. Auszüge aus einem Gespräch mit TRAK Wendisch, in: Ausst.-Kat. TRAK Wendisch. Skulpturen & Bilder, Galerie am Markt, Schwäbisch Hall 1994, S. 16-18, hier: 16