Cornelia Jentzsch
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Bild links: »Schwarze Madonna« von Czstochowa; Bild rechts: Hochaltar des Bildhauers Veit Stoß (Wit Stwosz) in der Marienkirche in Kraków


 

Cornelia Jentzsch – Goetzen

Götzen? Heiligenbilder in Öl und Gottheiten in Ton? Beides scheint dem modernen aufgeklärten Menschen schon weit entrückt. Er lächelt im Stillen, wenn er bei seiner Urlaubsreise in die Karpaten, auf Sardinien, in Bangkok, Kiew oder Berlin seinen neugierigen Blick schickt. Zu den knienden Frauen und Männern vor dem schwach beleuchteten Marienbildnis in der weißgekalkten Dorfkirche, der winzigen Buddhastatue im weihrauchdurchzogenen Tempel, dem Ikonenbildnis hinter dem mattgeküssten Glas der Basilika oder dem Schaukasten des Museums für Ur- und Frühgeschichte mit einer Statue des ägyptischen Sonnengottes Ra. Dabei belächelt er freundlich und nachsichtig nichts weiter als seine eigene, bis in die Gegenwart aktivierte Kulturgeschichte.

Mit Bildern und Abbildern, die für ein nichtanwesendes Zweites stehen, wird der moderne Mensch tagtäglich konfrontiert. Allein sprachliche Metaphern und Symbole sind ein unaufwendiges Beispiel dafür. Auch Fotos von Brad Pitt, Marlon Brando oder Madonna in der »Vogue« oder in der »Bild« sind nicht minder anbetungswürdig, nur eben zeitgemäß verjüngt. Wo ein Gott selbst nicht sein kann, schickt er eben sein Abbild. Auch Götter können sich nicht zerteilen, sie sind eine Ganzheit. Götze war ursprünglich der Kosename von Gott, vom Namen Gottfried in gleicher Weise wie Fritz von Friedrich abgeleitet. Durch Martin Luther bekam das bis dahin neutrale Wort einen negativen Beigeschmack, da er es seit 1520 auf die Bedeutung von falscher Gott, Abgott festlegte.

Der Philosoph G.W.F. Hegel sah das mit dem Abgott toleranter. In seiner »Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften« schrieb er dreihundert Jahre später: »Von den chinesischen und indischen Götzen wenigstens, ebensowenig von den afrikanischen Fetischen, auch von den griechischen Göttern selbst wird in der christlichen Welt nicht zugegeben werden, daß solche Götzen Gott sind; wer an solche glaubt, glaubt daher nicht an Gott. Wird dagegen die Betrachtung gemacht, daß in solchem Glauben an Götzen doch an sich der Glaube an Gott überhaupt, wie im besonderen Individuum die Gattung, liege, so gilt der Götzendienst auch für einen Glauben, nicht nur an einen Götzen, sondern an Gott. Umgekehrt haben die Athenienser die Dichter und Philosophen, welche den Zeus nur für Wolken hielten und etwa nur einen Gott überhaupt behaupteten, als Atheisten behandelt. Es kommt nicht darauf an, was an sich in einem Gegenstände enthalten sei, sondern was davon für das Bewusstsein daraus entsteht.«

G.W.F. Hegel zum Trotz wirkt Luthers negative Schattierung bis heute nach und dunkelt das Wort Götze ein. Doch eigentlich wollte Luther nur in lauterer Absicht den Menschen bezüglich seiner Götter auf das Christentum orientieren, indem er vor die anderen, vermeintlich falschen Götter einfach einen sprachlichen Riegel schob. Denn Luther steckte mit dieser Bedeutungsänderung auch einen sprachlichen Sicht- und Warnpfahl in das Verantwortungsbewusstsein eines jeden Einzelnen. Du kannst eigenständig zwischen richtig und falsch wählen, lautet die Botschaft. In den folgenden Jahrhunderten bestimmte diese Wahl das Handeln und Denken des Menschen mehr denn je, denn als moralische Kategorie gewann die individuelle Selbstverantwortung zunehmend an Wert. Heute, in einer von Selbstverantwortung, Selbstverwirklichung und Selbstbehauptung geprägten Welt, schauen wir mit hoffnungsvollen Augen immer weniger auf die »Schwarze Madonna von Czstochowa«, dafür umso mehr auf den Fernsehbildschirm. Beide sind kulturgeschichtlich gesehen zwei völlig verschiedene »Gottheiten«, wenn man so will. Die Schwarze Madonna symbolisiert den nationalen Widerstand des polnischen Volkes und seine Treue zum katholischen Glauben. Das Fernsehgerät ist schlicht ein Gebrauchsgegenstand, der sowohl zur allgemeinen Bildung gebraucht als auch zur allgemeinen Verblödung mißbraucht werden kann. Vielleicht gerade deshalb ersetzte das Fernsehen jeglichen Familiengott, ist die »Feuerstelle, an dem sich die moderne Familie wärmt« (Sloterdijk). Es ist ein zeitgemäßer, weil universell einsetzbarer Gott, der der Mobilität und Globalität der heutigen Zivilisation zielgenau entspricht. Unbewußt hat sich mit ihm der Mensch vom aktiven zum passiven Wesen verwandelt. Das ursprüngliche althochdeutsche Wort »got« bedeutete »das durch Zauberwort angerufene Wesen« und leitete sich von dem indogermanischen Verb »anrufen« ab. Für den Fern-Seher ist es umgekehrt, er setzt sich vor die Kiste und lässt sich von den diversen Programmen und Sendern anrufen. Ist so gesehen nicht der Mensch der Gott, und zwar der der Markt- und Informationswirtschaft? Das alte Zauberwort heißt heute Werbespruch.

Und doch gibt es zwischen mit Transistoren bestückten Geräten und gemalten Ikonenbildern mehr Gemeinsamkeiten, als man auf den ersten Blick ahnt.

In den Götzen – den richtigen wie den falschen Göttern – summieren sich Kultur- und Traditionsabläufe. Es beginnt beim Sehen, reicht über den Glauben, der eng mit der Wahrheitssuche verbunden ist, und geht bis hin zur Kunst.

Der Sehsinn vor allem war es, der neben dem Hör- und Tastsinn dem Menschen zur Orientierung verhalf. Sinne dienen der räumlichen Ausrichtung, dem Erkennen von Gefahren, vermitteln Kommunikation und aktivieren oder deaktivieren den Menschen entsprechend. Man nutzt seine Augen auf der Suche nach verwertbaren Informationen, wenn man auf Gesichter, Bäume, Verkehrsschilder oder auf einen Bildschirm blickt. Man führt sich optische Nahrung zu, um sich zurechtzufinden und sich als Individuum zu platzieren. Seit der Erfindung des Buchdruckes nahm der Sehsinn dem Hörsinn sogar noch einiges ab, das gesprochene Wort legte sich ins Buch und konnte nur noch mit den Augen wieder der Stimme zugeführt werden, sowohl der äußeren beim Vorlesen als auch der inneren, als in Gedanken mitlaufende Stimme.

Die in Buchstaben codierte Sprache wird im Buch nicht nur angesehen, die Sprache arbeitet auch selbst mit dem Vorgang des Sehens. Metaphern sind bildliche Ausdrücke, sie wirken durch Sehkonzentrat. Metaphern gehören zu den Grundbausteinen des Denkens und der Poesie, und die Poesie wiederum ist vollkommener Ausdruck einer Sprache. Sie reinigt diese immer wieder aufs neue von Trübungen und Schlacken.

Ein alter Spruch sagt: Über das Ohr dringt die Welt in uns ein, über das Auge dringen wir in die Welt ein. Im heutigen, dem sogenannten visuellen Zeitalter, tönt das Auge lautstärker als das Ohr. Je rabiater der Mensch in die Welt dringt, desto tauber wird er für die Laute, die aus dieser dringen, selbst Warnlaute werden mit dem Bildnis von Erfolg verdeckt. Moderne Technik und der Einsatz vielfältiger Wissenschaft versichern den Menschen des Gefühls zunehmender Beherrschung der Natur. Inzwischen muss man hören, daß das ein Trug und das Gleichgewicht zwischen Zivilisation und Natur respektive Umwelt noch längst nicht austariert ist.

Wenn der Mensch eine Ikone oder die Statue eines Fruchtbarkeitsgottes anblickt, sieht er nicht nur nach einer Person oder einem Gesicht, er sucht vor allem Kontakt mit dem Prinzip des Lebens und dabei forscht er nach seinem eigenen Schicksal. Hinter dem Sehen verbirgt sich also nicht nur ein optischer Vorgang, eine Aktion zwischen Sehnerv und Lichteinfall. Darunter gärt Neugier und die Emanzipation des Menschen von der Natur zu sich selbst. Deshalb steckt nicht zuletzt auch hinter den Götzen zweitens die Geschichte von menschlicher Kunst und humanem Schöpfergeist. Zu den ältesten archäologischen Funden gehören neben Skeletten des Homo sapiens und Werkzeugen auch Kultgegenstände. Fruchtbarkeitsgötter, aus Stein gehauen oder aus Ton gebrannt.

Wer einmal vor dem Hochaltar des Bildhauers Veit Stoß (Wit Stwosz) in der Marienkirche in Kraków gestanden hat und vor der Schönheit seiner Figuren ehrfurchtsvoll in die Knie gesunken ist, der versteht den Zusammenhang zwischen Kunst, Glauben, Wahrheit und Religiosität. Das Magische einer Schöpfung ist es, welches den Menschen angesichts eines gelungenen Kunstwerkes anzieht und sogar weltliche Kunstwerke anbetungswürdig macht wie die Mona Lisa von Leonardo da Vinci.

Das Fernsehgerät zeugt von einem uralten Traum des Menschen, sich zu verwirklichen und Unmögliches zu versuchen, wie auch das Flugzeug oder das Telefon wahr gewordene utopische Visionen sind. Doch vor dieser seiner Kunst geht der Mensch kaum noch – wie vor dem Marienaltar in Krakow – in die Knie, zu alltäglich ist ihm der technische Fortschritt geworden, vor dem Fernseher wirft er sich bestenfalls ermattet in einen Sessel.

Die Bilderverehrung in der christlichen Kirche kam zusammen mit der Heiligenverehrung auf. Der Grad der Bilderverehrung differiert jedoch in den einzelnen Kirchen. Während die reformierte Kirche aus grundsätzlich theologischen Überlegungen heraus Bilder in ihren Kirchenräumen ablehnt, wird in der östlich orthodoxen Kirche das geweihte Bild – griechisch eikon, woraus der Begriff Ikone entstand – verehrt. Eine Ikone zeigt das wesentliche Abbild der dargestellten Person, die für den Betrachter den direkten Kontakt zur himmlischen Welt bedeutet. Die Ikonenmalerei kam im 4. Jahrhundert auf und hat bedeutende Maler hervorgebracht, zu den besten gehören Theophanes der Grieche sowie der aus Russland stammende Andrej Rubljow. Kulturgeschichtlich entstand die Ikonenmalerei, so wird vermutet, aus einfachen Porträts, die in der Spätantike im alten Ägypten in Mode waren und deren Maler eine beachtenswerte künstlerische Perfektion erlangten. Ikonen hängen heute nicht nur in orthodoxen Kirchenräumen, sondern auch in zahlreichen Ausstellungssälen der renommierten Museen der Welt, und die Grenze zwischen Kunst und Religion ist hier fließend. Als göttlich wird etwas bezeichnet, das wohlgelungen ist und als vollkommen erscheint, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kunst.

Schließlich ist ein großer Teil der bildenden Kunst auf dem Sehsinn aufgebaut. Über die Augen bringt sie die dunklen Ur- und Untergründe des Kosmos an eine sichtbare Oberfläche.

Ein Gott oder Götze verbindet sich zudem, und das drittens, mit dem Glauben. Der streng religiöse Glaube richtet sich auf Gott in festem, überzeugtem Vertrauen. Abergläubisch wird jener geschimpft, der sich vom Christengott abwendet. Die Geschichte des Glaubens bedeutet aber auch, dass aus der beweglichen Suche nach der Milch des Ursprungs und der neugierigen Frage, wer für den Antrieb der Schöpfung verantwortlich zu machen ist, sich schließlich der Glaube an einen Fixpunkt, einen Gott, ein Bild band. Schon die Götter der sogenannten Heiden hatten die Funktion, zu erklären, wozu der Mensch nicht in der Lage war – Fortpflanzung, Wetter, Schicksal, Ernte oder Tod. Da die alten und nicht mehr so recht massenwirksamen Götzenbilder dringend einer Modernisierung bedurften, kam das Fernsehen gerade recht. Doch auch das Fern-Sehen wird gespeist von der elementaren Neugier nach dem Grund des Lebens und des Universums, nur nicht gerade dort, wo die ungeheuerliche Unterhaltungsindustrie ihre Produkte vor die Fern-Sicht schiebt. »Man hatte einen Gott, der ein lebendiges Opfer verlangt. Nur die Rohheit des Menschenopfers hat sich mit der Zeit verloren; das Menschenopfer selbst ist unverkürzt geblieben« schreibt der Philosoph Max Stirner. Wahre Religiosität ist immer mit der Suche nach der inneren Idee alles Lebendigen verbunden. Wenn ich an etwas glaube, dann deshalb, weil ich darin auch Hoffnung und Halt sehe. Wenn ich mich aber ausschließlich vom Gegenstand des Glaubens vereinnahmen lasse, dann glaube ich blind. Blinder Glaube wiederum ist leicht manipulierbar, und insofern ist Glauben auch immer an die Verführbarkeit durch Macht gebunden.

Wahrer Glaube jedoch vermag selbst Bilder zum Leben zu erwecken, man denke nur an den sagenhaften König von Zypern, Pygmalion, der sich in eine weibliche, nach seinem Frauenideal geschaffene Statue verliebte. So unsterblich, daß die Göttin Aphrodite ein Einsehen bekam und der Gestalt Leben einhauchte. Pygmalion heiratete schließlich sein Idol und sein Glaube wurde fruchtbar.

Viertens schließlich sind Götzen ebenso untrennbar mit der menschlichen Suche nach Wahrheit verbunden. Für die wesentliche Art, etwas für wahr zu halten, gehört für die Philosophie neben dem Meinen und dem Wissen vor allem das Glauben. Im Gegensatz zum Wissen ist es nicht methodisch begründet, im Gegensatz zum Meinen jedoch frei von Zweifeln. Als Ausdruck einer vollkommenen Überzeugung beruht es auf der Gewißheit und festen Überzeugung einer Person. Der Glaube ist hier, im Gegensatz zur Religion, von Gott hin erweitert auf die ganze Welt.

Im standhaften Glauben an die Wahrheit ihrer Ideen und Überzeugungen ließen Menschen wie Che Guevara oder Giordano Bruno ihr Leben.

Wahr ist, was ich sehe. Dieser Satz ist falsch. Diesen Satz haben die Medien auf dem Gewissen.

Wahr scheint manchmal schon eher, worüber Konsens besteht. Aber daran muss nicht unbedingt geglaubt werden. ›Wahrscheinlich‹, dieses Wort ist eine sprachlich elegante Annäherungsform an die Wahrheit.

Nietzsche sprach im »Zarathustra« von neuen, der Wahrheit abholden Götzen: »Irgendwo gibt es noch Völker und Herden, doch nicht bei uns, meine Brüder: da gibt es Staaten. Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt tut mir die Ohren auf, denn jetzt sage ich euch mein Wort vom Tode der Völker. Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: ›Ich, der Staat, bin das Volk’.«

Und fünftens, und nicht zuletzt, gehören Götzen zu den Medien der Kommunikation. Das vor den Götterbildern geführte Zwiegespräch zwischen Mensch und Gott ist eine der ältesten erprobten Verständigungen. Das Bild funktioniert hierbei als Code. Auch wenn der Mensch die Fragen, die er an Gott richtet, eigentlich an sich selbst stellt. In der Kommunikation hat man ein Gegenüber, mit dem man sich verständigen kann, weil es zumindest auf gleicher Wellenlänge, das heißt rezipierbar, sendet. Mit diesem Austausch erkennt man nicht nur einen Anderen an, man muss auch erkannt haben, daß es einen Anderen überhaupt gibt. Das setzt voraus, daß man sich selbst als etwas Anwesendes begreift. Und das wiederum setzt Bewußtsein voraus.

Auf die gleiche Art und Weise kann man sich auch mit dem eigenen Ich verständigen, wenn es sich in die Fremde flüchtet. Man ist auf Nachrichten aus den eigenen Urgründen angewiesen, weil man sich sonst selbst nicht mehr kennt. Mach Dir ein Bild von dir heißt, erkenne dich und beschreibe dich selbst.