Ulla Walter
Gefördert durch:

Viewing Room. Die Konstruktion der Realität








Ulla Walter, Deutschland: »Viewing Room«;
Fotos: Udo G. Cordes (1), Bernd Kuhnert (2), Jens Schünemann (3/4/5/6)


 

Herbert Schirmer: Raum für Welterfahrung

Ulla Walters Installation gleicht einer Reise in die jüngere Vergangenheit. Eine Exkursion, bei der die eigene Sicht auf die Welt, Erlebnisse, Begegnungen, Stimmungen, Vorkommnisse der ersten, zweiten und dritten Art in direkte, durch künstlerische Erfahrungen gebrochene Lebenszusammenhänge gestellt sind. Wer die verblüffenden Haus-Einsichten mit den Orten nachhaltiger Ereignisse im Leben der Künstlerin erfährt, wird zwangsläufig den dokumentarischen Charakter der Selbstreflexion konstatieren, denn Ulla Walter macht die autobiografische Erinnerung zum ästhetischen Motiv. Erinnerungen nicht nur als Ausdruck der Zeit, an die sie gebunden sind, sondern auch des Raumes, in dem sie so oder anders stattgefunden haben. Gegen die Muster unserer kulturellen Kurzatmigkeit, eines modisch auf den Sockel gehobenen und allseits gehuldigten »timing«, dem effektvollen Aufblitzen des so genannten Zeitgeistes, schafft sie durch permanentes Abfragen und sogleich wieder In-Fragestellen des Ergebnisses einen Gedankenraum, der mehr von subjektiven Erfahrungswerten als von objektiven Ordnungsmustern beherrscht wird. Sie versteht es sehr wohl, das Private der Selbstdarstellung in den Raum ihrer Weltdarstellung zu übersetzen, die Bildobjekte so aufzuladen, dass sie gleichzeitig autobiografisch und von allgemeiner Bedeutung sind. Und da, wo der biografische Rückblick zu lebendiger Geschichte wird, kommt es zwangsläufig zur Auseinandersetzung zwischen gespeicherten Erinnerungen und aktueller (Selbst) Befragung der Gegenwart, wird die Wiederbegegnung mit dem genius loci oder den Prägemustern, den Siegen und den Niederlagen, zur Prüfzone für die Täuschung und das Trügerische unserer Wahrnehmung, die noch kein Indiz für die Glaubwürdigkeit der Bilder ist. Dieser Konflikt zeigt sich im reflektierten Verständnis ebenso wie in der Technik des direkten Ins-Bild-setzens, wodurch letzten Endes ein mythischer Raum der Erinnerungen entsteht, in dem die Orte des Zuhauseseins oder Gewesenseins durch künstliche Farbigkeit und die betont blaue Lichtgebung eine distanzierende Aura erhalten.

Ulla Walters Haus erinnert mit seinem Innenleben an eine begehbare, auf einem verkehrten Mechanismus beruhende Camera obskura, in die man, wie ein Voyeur durch den Spion an fremden Wohnungstüren, hineinschaut und dabei entdeckt, dass die teilweise in virtuelle Realität übersetzten poetischen Bildtransformationen um konkrete Erscheinungen und eher alltägliche Anlässe, an die Spuren sentimentaler Wiedererkennungseffekte gebunden sind, kreisen. Als Erinnerungsbilder mit topografischen Einlassungen aus Dresden oder Berlin, in denen möglichst viele, ihr wichtige autobiografische Inhalte in sachlicher Organisiertheit transportiert werden, weisen eine sinnliche Präsenz auf, die mehr an die Bilderfahrungen des Internets als an einen physikalisch existierenden Erlebnis- und Lebensraum geknüpft sind. Der Charakter dieser Bilder wechselt zwischen Schaubild und Cybertraum-Metapher, wobei die zerfließenden Randzonen an die bizarre Architektur von Fritz Langs Stummfilmklassiker »Metropolis« denken lassen. Von einer melancholischen Grundstimmung getragen und von der Suche nach elementaren Strukturen des menschlichen Wesens bestimmt, vermitteln diese Innenansichten pars pro toto den Prozess der Bewusstwerdung der Künstlerin, die es sich vorbehält, ihr Inneres nicht demonstrativ zur Schau zu stellen, sondern vor sich selbst preiszugeben.

Den ungewöhnlichen technischen Aufwand, Markenzeichen einer alles steuernden elektronischen Technokratie im Zeitalter der Globalisierung, in der das Licht als Energie- und Informationsträger in einem komplizierten Röhrensystem fungiert, vergleicht Ulla Walter mit der Kenntnis des eigenen zentralen Nervenapparates, dessen biologisches System Pate gestanden haben mag bei der Entwicklung und Bewältigung der Bild-Röhren. Mit diesem effektvollen Mix von visual effects aus Kunst und Technik sucht die ausgemachte Perfektionistin, deren Streben äußerster Präzision gilt, unabhängig davon, ob es sich um die künstlerische Zielsetzung oder um die ingenieurtechnische Bewältigung der Lichtsteuerung handelt, die absolute Kontrolle über ihr Werk und dessen reinen Kunstcharakter in einer Dimension, durch deren Radikalisierung Kunst und Technik in einer höheren Verbindung aufgehen.