Tim Ulrichs
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Durchsicht: durchs Ich. Eine endoskopische Reise














Timm Ullrichs, Deutschland: »Durchsicht: durchs Ich – Eine endoskopische Reise«; Videostills: Timm Ulrichs (1/4/5/6/7/8/9/10/11/12, Fotos: Bernd Kuhnert (2), Jens Schünemann (3)


 

Dr. Brigitte Hammer: Die Reise ins Innere

Wer im GoetzenHaus von Timm Ulrichs den schwarzen Tuchvorhang beiseite geschoben und im Dunkel der schwarz gestrichenen Wände die seitliche Sitzbank ertastet hat, wird sofort von dumpfer Düsternis umfangen. An das Ohr klingen rhythmisch gurgelnde und schmatzende Geräusche und der Blick wird von der dem Eingang gegenüber liegenden Wand angezogen, auf der eine kreisrunde Videoprojektion läuft. Allmählich gewöhnt sich das Auge an die Dunkelheit, Körper und Gedanken stellen sich im Gespür für den umhüllenden Raum auf die laufenden Bilder mit ihren unbekannten Formen ein, man denkt an eine Vorwärtsbewegung in einem dunklen Schlund, die zuckenden, undefinierbaren Gestalten wirken eher rätselhaft als bedrohlich, obwohl sich das Empfinden für das Unheimliche der Situation nicht ganz beiseite schieben lässt.

Da am Eingang des Hauses kein Hinweis auf Länge oder Inhalt des Filmes zu finden ist und ich allein im Haus bin, überlasse ich mich erst mal dem Schauen und dem Wirken der Bilder und versuche herauszufinden, was das Werk über sich verrät. Ich denke an frühere Arbeiten Ulrichs, in denen sich der Künstler immer auf einzigartige und unnachahmliche Weise mit seiner ganzen Person der öffentlichen Neugierde ausgesetzt und für seine Kunst eingesetzt hat – schon seit 1959 in seiner »Totalkunst-Zimmergalerie« in Hannover, in der er im eigenen »Kunstbetrieb« und seiner »Kunstpraxis« (mit Sprechstunden!) sein vielseitiges Programm der »totalkunstobjekte, -szenen, -landschaften, -expeditionen, totalpoesie, totalmusik, totalfilm, totaltheater« angeboten hat.

Mehr als dreißig Jahre habe ich Ulrichs Kunstaktionen verfolgt und mich von der Vielseitigkeit und Komplexität seiner Ideen immer wieder erstaunen oder berühren lassen und so manches Mal hat mir ihr hintergründiger Witz und ihre lakonische Ironie ein mit Verblüffung oder Erschrecken vermischtes Lachen entlockt. Die totale »Kopf- und Körperkunst« von Timm Ulrichs hat dabei immer auf ihre unvergleichliche und völlig singuläre Art die Einheit von Kunst und Leben, auch in ihren banalen Aspekten, mit einem gesellschaftlich-politischen Anspruch verbunden und in allen Aktionen das Individuelle mit dem Allgemeinen verknüpft und reflektiert. Er hat buchstäblich seine Haut zu Markte getragen (Selbstporträt der Körperoberfläche, Ausdehnung 18.360 qcm / Stand: 19.9.1971), sich zahlreichen Selbst-Versuchen ausgesetzt und ist dabei keiner Schwierigkeit des Denkens und Sprechens über Leben, Vergänglichkeit und Tod ausgewichen.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er nach dem Weg von der Ganzheit des Körpers und dem Untersuchen und Vermessen seiner Oberfläche den der Beschäftigung mit dem inneren Leben beschritt, was sich für mich vor ein paar Jahren in der Begegnung mit jenen großformatigen Fotoarbeiten anzeigte, als er seinen Körper den Durchleuchtungsgeräten von Flughäfen aussetzte. Und nun diese neue Sache im GoetzenHaus, deren Bilder ich zunächst nicht lesen kann, aber in dem Wissen, dass sie wohl etwas mit Ulrichs Körper und seinem Innenleben zu tun haben müssen, betrachte.

 

Timm Ulrichs: Fremde Körperwelten

Selbstkritische Blicke richte ich statt auf Äußeres oder Äußerlichkeiten, lieber auf mein Innenleben, meine Innenwelt: Da noch sind weiße Flecke des Unbekannten zu vermuten, nur da noch ist Neuland einer geheimnisvollen Terra incognita zu betreten. Raumforschung braucht also nicht in die Ferne, in den Makrokosmos zu schweifen; was die Welt im Innersten, im Mikrokosmos zusammenhält, das erfahren wir eher, wenn wir Innenraum-Forschung betreiben, einsteigen in das Unterirdisch-Subkutane der eigenen Körperlichkeit: in die Dunkelkammer des Kopfes, in den Körper-Bau, der noch immer weitgehend im Dunkeln liegt und in den noch immer so wenig Licht der Erkenntnis hineingeleuchtet hat. Neugierig auf unvorhersehbare Einsichten und ungeahnte Erfahrungen am eigenen Leibe, bin ich häufig schon aufgebrochen zu Expeditionen ins eigene Ich, zu Abstiegen in die Untergründe und Bergwerke meiner selbst, meines Selbst. Im Videofilm »Reise zum Mittelpunkt des Ichs« (1995/97) realisiert auf der Basis einer kernspintomografischen Aufnahme, wollte ich zum tiefsten Punkt meines Kopfes vordringen, sowohl im Titel als auch in der Sache anspielend auf Jules Vernes Roman »Voyage au centre de la terre« (1864), in dem seine Helden sich auf den Weg zur Erdmitte machen. Wie einen Himmelskörper empfindet man den rotierenden und dabei sich abschälenden und verkleinernden Kopf, der zugleich, wie auf einer Zeitreise, eine stammesgeschichtliche Rückentwicklung – vom Menschen zum Affen zum Fisch – durchzumachen scheint, bis er schließlich, wie ein verlorener kleiner, blinkender Stern, im Schwarz des Alls oder des Nichts sich verliert, im letzten Aufleuchten aber noch seinen Kern, seinen Nukleus aufscheinen lässt.

Eine weitaus länger dauernde Reise ist die endoskopische »Durchsicht: durchs Ich«, die nicht ein bestimmtes Ziel ansteuert, sondern die gesamte Reiseroute durch den Körper aufzeichnet. »Die phantastische Reise« (»Fantastic Voyage«) war bereits Thema eines Science-Fiction-Films (von Richard Fleischer, USA 1966, nach einem Roman von Isaac Asimov); hier aber liegt ein reiner Dokumentarfilm vor, der dennoch nicht weniger phantastisch anmutet. Ich verschlucke eine winzige Kamera, die ihren Weg durch meinen Verdauungskanal dokumentiert. Verschlucken und Ausscheiden des Aufnahmegerätes markieren Anfang und Ende dieses intro-spektiv-autobiografischen Films, heißt es in meiner Liste der »Projekte aus der Totalfilm-, Banalfilm- und Ikon-Kino-Kartei« mit dem Titel »Film-Vorstellungen, vorgestellt« (1969/71, Projekt Nr. 7). Eingeladen zur documenta 6, Kassel 1977, hatte ich die Absicht, im Rahmen des Performance-Programms diesen Film vorzuführen, still vorm Publikum sitzend bei gleichzeitiger Projektion der Live-Aufnahmen, also eine vierstündige Realzeit-Präsentation. Damals aber waren die technischen Voraussetzungen noch nicht gegeben; erst seit wenigen Jahren kann ein solches kapselendoskopisches Verfahren, vornehmlich zu diagnostischen Zwecken, eingesetzt werden. Zutage gefördert werden dabei Bilder, die kein Reiseprospekt bislang anbieten, kein Baedeker erläutern kann. Je tiefer wir eindringen in uns selbst, je mehr wir uns versenken in unsere Physis und Psyche, um so abgründiger, bodenloser, unheimlicher und befremdlicher erscheinen wir uns selbst, und wir erkennen, was wir sind: Fremdkörper.