Olegs Tillbergs
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Fear







Olegs Tillbergs, Lettland: »Fear«;
Fotos: Udo G. Cordes (1), Bernd Kuhnert (2), Jens Schünemann (3/4/5)


 

Richard Rabensaat: Das Fett und der Kollaps

Entsprechend einem Gedanken des Philosophen Paul Virilio kehrt sich derzeit das Verhältnis von Substanz und Unfall um. Früher existierte ein Ding, beispielsweise eine Maschine, erst einmal. Der Kollaps, der Unfall, erschien als die Ausnahme. Gemäß Virilios Auffassung müssen mit dem Fortschritt der technischen Entwicklung Katastrophen und Unfälle jedoch als notwendiges und möglicherweise dominantes Merkmal technischer Innovationen angesehen werden. Ein Hochgeschwindigkeitszug kann nicht ohne die Möglichkeit einer Entgleisung und verletzter und getöteter Passagiere gedacht werden. Mit jedem neuen technischen Element ergibt sich die Möglichkeit einer spezifischen Störung. Diese Störungen sind kein Zufall mehr, sondern das Ergebnis immer komplizierterer technischer Abläufe. Auch in den Arbeiten Olegs Tillbergs finden sich unvorhergesehene Momente der Störung und des Unfalls, wie bei seiner derzeitigen Installation in Frankfurt (Oder).

Eigentlich sollte das GoetzenHaus Tillbergs von waberndem Nebel erfüllt sein. Tatsächlich aber kapitulierten die Schaltkreise der elektrischen Nebelmaschine vor dem von den Wänden triefenden Fett. Schon nach kurzer Betriebsdauer verabschiedete sich der Mechanismus mit einem Kurzschluss im elektrischen System. Dieser ungewollte Fehler in der Installation Tillbergs vereitelte die Absicht des Künstlers, einen undefinierbaren, nebelgefüllten Ort zu schaffen, in welchem dem Besucher die Orientierung und auch die Sinne abhanden kommen.

Dennoch fügen sich die Installation und der Zufall letztendlich harmonisch zusammen. Denn nun präsentiert sich das Innere des Hauses dem Betrachter unverhüllt mit Wänden, die eine dicke Schicht aus Maschinenfett bedeckt. Spuren der Hände und Finger des Künstlers, der das Fett eigenhändig an die Wand geschmiert hat, strukturieren die Fläche. Unter der Decke hängt eine weiße, durchscheinende Plastikfolie, hinter der sich Neonlampen befinden, die eigentlich ein nebelgeschwängertes Szenario beleuchten sollten. Dazu kam es nicht, auch die Beleuchtung fiel dem Kurzschluss zum Opfer. Jetzt rinnt, wie von Tillbergs beabsichtigt, das Fett in einem langsamen, aber stetigen Prozess von den Wänden herab und befleckt so unaufhaltsam den Holzboden. Dort bildet es auf dem hellen Pressspan dunkle Inseln, die in den Raum hinein greifen.

Der Besucher verharrt in dem GoetzenHaus und wird vom strengen Geruch des Maschinenfettes umfangen. Tillbergs eröffnet ihm die Möglichkeit, sich der Konfrontation mit dem Fett und seinen ganz spezifischen Eigenschaften auszusetzen. Maschinenfett ist keine alltägliche Substanz mehr. Während im vergangenen Jahrhundert Maschinen überwiegend aus Metall gefertigt waren und Schmierfett ihr reibungsloses Funktionieren garantierte, hat sich die Materialität der uns umgebenden Mechanik und Elektronik grundlegend gewandelt.

Die Arbeiter der gläsernen Autofabrik hantieren nicht mehr mit schmierigen Schraubenschlüsseln, sondern tragen weiße Stoffhandschuhe, um ja nicht Spuren auf dem makellosen Lack des neuen Automobils zu hinterlassen. Die mechanische Schreibmaschine wollte gut geölt sein. Fett im Computer dagegen würde den Chip irreparabel zum Zusammenbruch bringen. Das Leben im neuen Jahrtausend ist unkörperlicher, virtueller geworden, Maschinenfett eine antiquierte Substanz.

Tillbergs jedoch schafft mit seinem GoetzenHaus, wie auch in anderen künstlerischen Arbeiten, eine Ästhetik des Verharrens. Das Fett impliziert das Bewegungsmoment des langsamen Herabgleitens. Seine Zähflüssigkeit verhindert schnellen Fluss. Herausgerissen aus seiner bestimmungsgemäßen Verwendung als Schmiermittel, wird das Fett zu einem dynamischen Symbol für das untergehende Maschinenzeitalter.

Die besonderen Konnotationen des Schmierfetts erkannte indes schon Beuys und nutzte es ebenfalls als allumfassende Metapher für energetische Prozesse und dynamische Strukturen. Auch andere Aspekte im Werk Tillbergs lassen Erinnerungen an den Altmeister der installativen Plastik aufkommen. Häufig schon verwendete der Künstler Fett als Ausgangsmaterial für große Plastiken und Gemälde, die auch er oft mit konkreten Gegenständen verband.

Mit seinen Kombinationen verschiedener Materialien nimmt der lettische Künstler Tillbergs nach eigenem Bekunden eine Außenseiterposition im Kunstgeschehen des Landes ein, in dem die Malerei immer noch die dominierende Kunstgattung ist. Nicht nur die von dem international gefragten Künstler verwendeten Materialien sind indes ungewöhnlich, sondern auch die Art und Weise, in der sie zu Kunstwerken werden.

Tillbergs findet seine Skulpturen eher, als dass er sie in einem genialischen Schöpfungsakt erschafft. Häufig durchwandert der Künstler die Vororte Rigas, beobachtet dabei aufmerksam seine Umgebung und die Materialien am Wegesrand und findet dabei den Rohstock für eine spätere Installation. Aus der Verknüpfung des zufällig Gefundenen entstehen raumgreifende Werke wie seine »poetischen Arbeiten«, bei denen Tillbergs Turbinen, rostige Schwermetallzentrifugen oder ausrangierte Wassereimer zu poetisch anmutenden Arrangements zusammen fügte.

Auch das Fett und die verunglückte Elektronik fügen sich zu einem Ensemble, das goldglänzend zwar zunächst poetisch anmutet. Dabei ruft es ein untergegangenes Industriezeitalter in Erinnerung und beschwört mit dem Kollaps der Elektrik nicht zuletzt die inhärenten Gefahren der Technik.