Via Lewandowsky
Gefördert durch:

Auf verlorenem Boden








Via Lewandowsky, Deutschland: »Auf verlorenem Boden«;
Fotos: Bernd Kuhnert (1), Jens Schünemann (2/3/4/5/6)


 

Herbert Schirmer: Raum des Bewusstseins

Via Lewandowsky ist dafür bekannt, dass er die bildwürdige Handhabung des Trivialen, das er mit affirmativen Kommentaren versieht, exzellent beherrscht. Es wird also niemand wundern, dass sein Haus auf den ersten Blick als eine pointierte Lösung zwischen Kunst und Leben anmutet, bei der gedankliche wie materielle Ausgangsebenen als Voraussetzung dazu dienen, den Raum in Verbindung mit Licht zu thematisieren. Es verblüfft schon, mit welcher Konsequenz Lewandowsky das Problem des Raumes bewältigt, wie er die existenzielle Bedeutung von Licht und Raum wahrt, die Mittel der Darstellung auf das Äußerste verknappt, um den installativen Zusammenhang von Licht, Raum, Bewegung und Zeit plausibel zu machen. Der Raum selbst mit den unbehandelten Sperrholzwänden und seiner Leere mutet wie ein Provisorium an, eine imaginäre Behausung, deren Komposition in absurder Weise auf einer horizontalen Teilung in eine fensterlose Himmels- und eine schwebende Erdzone beruht. Letztere ist, durch die etwa 1,40 Meter nach oben versetzten Wände, als Schnittstelle zwischen Innen und Außen für Vorübergehende einsehbar, hingegen scheint der beziehungslose, extrem hochgesetzte Türgriff den Ausweg aus der unerbittlichen Gegenwart einer Raum-Licht-Zeit-Maschine, den kürzesten Weg über eine Jakobsleiter ins Universum zu markieren. Freilich handelt es sich sowohl bei den Ein- wie auch bei den Aussichten um ungewöhnliche Situationen, die durch Fußgängerbewegung, durch wechselnde Lichtverhältnisse und Positionsveränderungen beständig als zeitlich definierter Teil des Ganzen fragmentarisch wahrgenommen werden.

Licht wird in Lewandowskys Haus als Zeitraum messender Faktor verwendet. Zeit wird durch gruppenweises Aufleuchten und Verlöschen der Lampen, das laute Klicken beim Weiterschalten, in einen bildlichen Vorgang verwandelt, bei dem die Zeit selbst als Chimäre entweicht. Während das Licht also, vom Unterbrecher gesteuert, intervallartig in den Raum eingreift, sich kurzzeitig, aber deutlich in ihm platziert, provoziert es unser retrospektives Nachdenken über Zeit. Zugleich versteht es sich als Antwort auf die Frage nach der Darstellbarkeit des nicht Sicht-baren, denn die gebündelten Lampen erscheinen als Träger, die immateriellen Lichteffekte als Ausdruck der Reflexion über Struktur und Wesen der Zeit. Bezogen darauf haben die einzelnen Lampen sowohl eine reale wie auch eine metaphorische Dimension, denn sie erzeugen im übertragenen Sinne erst die ungewöhnlich dichte Präsentation von Zeitbewusstsein, das durch seine Metaphorik unsere konventionellen Raum-Zeit-Vorstellungen in Frage stellt und damit die Rationalität des Faktischen suspekt erscheinen lässt. Die Leuchtkörper, die Via Lewandowsky in seiner skulpturellen Struktur verwendet, unterscheiden sich durch ihr Allerweltsdesign in nichts von handelsüblichen Objekten und Materialien, im Gegenteil, sie repräsentieren in ihren physikalischen Merkmalen die Banalität alltäglichen Gebrauchs. Dass man an den unterschiedlichen Modellen der Wohn- und Arbeitsleuchten außer geschmacklichen Tendenzen auch Zeitfragen recherchieren kann, gehört m.E. zu den effektvollen Nebenverweisen.

Der kontextuale Zusammenhang ergibt sich erst durch das Bewusstwerden des Betrachters, der durch die angebotene Ausdrucksambivalenz den Gegenständen eine symbolische Funktion zuweist und sie mit der Fragestellung verbindet, welche Bedeutung ihnen nunmehr zukommt und welche weitergehende Fragestellung sich daraus ableiten lässt.

Es handelt sich also bei diesem Haus nicht um eine Referenz an die kontinuierlich fortschreitende Innovationsbewegung einer wie auch immer gearteten Avantgarde, bei der das Alte durch das Neue folgerichtig und schematisch ersetzt wird. Was Via Lewandowsky in anderen Arbeiten auch verfolgt, ist ein diskontinuierliches Verfahren, das sich auf keinerlei stilistische oder linear zeitliche Bewegung mehr beruft. Diese Diskontinuität fortsetzend, installiert er aus trivialen Leuchtkörpern ein Gebilde, bei dem übergreifende zeitgenössische Realität per Zitat oder Paraphrase in einer Synthese aufgehoben wird und traditionelle Deutungs- oder Bezugsmuster nur noch als ironische Replik funktionieren können. Das Zeitmotiv, durch die gestaffelten Lichtphasen als Verschleißerscheinung deutlich gemacht, erfährt durch rhythmische Akzentuierung und den illustrativen Charakter etwas Unausweichliches und – der Ironie entgegenwirkend – zugleich etwas Pathetisches.