Urs Jaeggi
Gefördert durch:

Ohne Titel









Urs Jaeggi, Schweiz: »Ohne Titel«;
Fotos: CH-Foto (1), Bernd Kuhnert (2), Jens Schünemann (3/4/5/6/7)


 

Nicola Kuhn: GoetzenHaus, später

Nach dieser Antwort auf die Frage »Was gibt mir in meinem Leben Halt?« hätte man es ahnen können. Schlicht und einfach »Nichts« hatte Urs Jaeggi erwidert und doch mit dieser Negation, mit einer solch schroffen Absage erst die ganze Spannbreite der Möglichkeiten eröffnet. Die in der Frage ursprünglich angelegte Fokussierung auf tiefste Überzeugungen, innerste Bekenntnisse ist auf diese Weise aufgebrochen, denn hinter Jaeggis Nichts verbirgt sich ein Alles. Sein Credo ist die Offenheit. Ihm die Gestaltung eines GoetzenHauses anzutragen, musste also ebenfalls zu einer Durchkreuzung des ursprünglichen Kuratorenkonzeptes führen. Denn auch hier ist von ihm kaum ein Rückzug auf das Innerliche und damit das Innere eines Hauses zu erwarten. Entsprechend hat sich Jaeggi nicht an die Vorgaben gehalten und seine Gestaltung allein auf das Interieur beschränkt. Im Gegenteil: Mit Bohrmaschine und Stichsäge hat er die Holzwände bearbeitet, das Dach entfernt, Öffnungen hineingetrieben und damit dem genormten Ganzen auch von Außen eine höchst individuelle Erscheinung gegeben. Einen wie Jaeggi zur Innenschau einladen, heißt seinen Widerspruchsgeist wecken. Als Soziologe, Schriftsteller und auch als bildender Künstler hat er sich mit den Bedingtheiten gesellschaftlichen Lebens auseinandergesetzt – ob als kollektive Erfahrung oder individuelles Erlebnis. Ein Haus, zumal ein GoetzenHaus, kann also für ihn nur eine Chiffre sein, wie er es nennt, die seine Angriffslust weckt. So zielte sein ursprünglicher Plan auf Zerstörung der etwas betulichen Hülle, dem ins Gigantische aufgeblasenen Faller-Häuschen. Spektakulär wollte er mit einer Abrissbirne das Objekt symbolisch und zugleich real demolieren lassen. Dessen verbliebene Reste sollten wie bei einer Baustelle mit rot-weißen Bändern und gelb blinkenden Warnsignalen gesichert werden. Als allen erwarteten Widersprüchen von behördlicher Seite zum Trotz die Genehmigung dafür doch erteilt wurde, hatte sich Jaeggi bereits mit der zweiten Variante so sehr angefreundet, dass letztendlich diese zur Ausführung kam. Für das Goetzen-Projekt gewiss ein Gewinn, denn ebenso schwer, wie sich aus Jaeggis vehementem Nein auf die Frage nach dem Lebenshalt das Bejahende, Offene herauslesen lässt, wäre auch die positive Umdeutung des ursprünglich geplanten Zerstörungsaktes gefallen.

So ist Jaeggi dem Haus nun künstlerisch zu Leibe gerückt. Er hat es mit unregelmäßigen Rechteckformen bezeichnet, die die Vorstellung von schmalen, hohen Fenstern oder sogar Schießscharten wecken. Einige sind ausgesägt, so dass man ins Innere des Hauses hineinblicken kann, zum Teil sogar Durchblicke zur anderen Seite gewinnt. Jaeggi nutzt die vier Wände in doppelter Hinsicht: skulptural und zugleich als Bildfläche. Ein zufälliger Passant kann sich nie ganz sicher sein: Handelt es sich bei den auf der Wand verbliebenen Lineaturen in schwarz und rot nun um skizzenhafte Vorgaben für den Sägeverlauf, die wieder verworfen wurden, zumal sie auch teilweise durchgestrichelt sind? Oder handelt es sich insgesamt um eine bedachtsame Komposition?

Und noch in anderer Hinsicht verfolgt Jaeggi eine Doppelstrategie. Zum einen schafft er ein hochästhetisches Objekt. Der Künstler vermochte es offensichtlich doch nicht, das Grundmaterial der reinen Zerstörung anheim zu geben; dafür war die Möglichkeit der differenzierten kreativen Auseinandersetzung viel zu reizvoll für ihn. Zum anderen gibt er ein politisches Statement ab. In einer so brisanten Situation wie in Frankfurt (Oder) kann man sich nicht auf ein musée privé zurückziehen, erklärt er im Gespräch. So will er der Stadt mit seinem GoetzenHaus ein Menetekel, wie er es nennt, hinterlassen. An seinem Zweit-Wohnsitz Mexiko-City ist er permanent konfrontiert mit den aus Fundmaterial und Bauabfällen zusammen gezimmerten Hütten der Homeless. Mindestens zwei Drittel aller dortigen Häuser sind solch improvisierte Behausungen. Jaeggis GoetzenHaus soll daran erinnern, dass auch wir, die eigentlich Behausten, auf Abbruch leben. Ursprünglich sollte sein Haus weit stärker den Charakter einer typischen Hütte tragen, wie sie in afrikanischen und mittel- und südamerikanischen Ländern anzutreffen sind. Die gewaltsam in die vier Wände gebrochenen Öffnungen sollten wiederum mit Schwemmmaterial aus der Oder und anderen Fundstücken verschlossen werden. Die Suche erwies sich jedoch als fast ergebnislos, Material fand sich kaum welches, bis auf eine Tür mit Schiefertafel, die nun den Eingang markiert. Wichtigster Eingriff war am Ende die Entfernung des Giebeldaches, das nun durch eine flache Abdeckung ersetzt wird und das Ganze in der Tat entfernt an die shelters der Dritten Welt erinnern lässt. Götzen gibt es in Jaeggis Haus nun nicht mehr. Es ist komplett profanisiert. Damit hat er zugleich ein deutliches Bekenntnis für die Kunst abgegeben. Ihr muss der Akt des Transzendierens schließlich alleine gelingen.