Zhang Huan
Gefördert durch:

Dharma Circle







Zhang Huan, China: »Dharma Circle«;
Fotos: Jens Schünemann (1/3/4/5), Bernd Kuhnert (2)


 

Dr. Brigitte Hammer: Ansicht und Einsicht oder vom Großen im Kleinen

Eine in die rechte Raumecke hinein wachsende Hügellandschaft aus Sand beherrscht das Goetzen-Haus des aus China stammenden, in New York lebenden Künstlers Zhang Huan. Die Tür ist zwar weit geöffnet, doch löst schon der erste flüchtige Blick eine fremdartige Scheu aus und vereitelt jede Versuchung, einen europäischen Schuh in den Raum zu setzen und verlockt vielmehr dazu, diese eigenartige Inszenierung zu betrachten und in ihr durch Schauen spazieren zu gehen. Die Augen wandern zwischen kleinen Hügeln umher und steigen langsam den Hang hinauf, bis sie auf einem kleinen Plateau bei der vielleicht 20 cm hohen Buddha-Figur enden, die in meditativer Haltung vor einem Spiegel hockt.

Aus dem an der Eingangstür noch flach ausgestreuten, feinen Sand türmen sich in allmählicher Steigerung kleine, dicht nebeneinander gesetzte und auffällig spitz geformte Häufchen aus dunklem, feuchtem Sand, deren Konturen jedoch an den Rändern verschwimmen, weil der an den Graten schneller trocknende Sand heller ist und zerbröselt und damit die Klarheit der Formen zum Verschwinden bringt. Der Betrachter schaut von oben auf die Materialität des Sandes und die Beschaffenheit der aus ihm geformten Gebilde, die sich als Miniaturberge oder zwergenhafte Figuren lesen lassen, aber auch als asiatische Tempelgruppen verstanden werden können. Mit der Assoziation Berg oder Tempel verknüpft sich die Vorstellung einer Verkleinerung, wenn man sie als Zwerge ansieht, kann dies in Bezug auf die Idee der Lebensgröße ebenso eine Verkleinerung wie eine Vergrößerung bedeuten, je nachdem, ob man ein lebendiges Vorbild oder sein geformtes Abbild als Bezugsgröße wählt.

Der Blick des aufrecht stehenden Besuchers richtet sich nach unten, so dass die erste Anmutung als ein dreidimensionales Landschaftsbild erscheint, das in seiner Verkleinerung jene Miniaturlandschaften ins Gedächtnis ruft, in denen in fernen Kindertagen eine Modelleisenbahn flitzend ihre Kreise zog. Wenn aber das Auge sich erst mal hineinbegeben hat, seinen Weg den Berg hinauf zwischen den Hügeln sucht und sich die Phantasie von der Tempelgruppe einstellt, entwickelt sich ein Empfinden für die Kleinheit der menschlichen Angelegenheiten angesichts der überwältigenden Monumentalität der sakralen Bauten. Das Hineinsteigen über den Blick verändert also das Gefühl für die Proportionalität zwischen Betrachter und Betrachtetem und löst über das scheinbar Spielerische dieser Installation eine ernste Betroffenheit aus. Der vor dem Spiegel sitzende Buddha kommt einem als ein eklatanter Widerspruch entgegen und erscheint zunächst als humorvolle Pointe. Er erinnert an jene seinerzeit aufregende und provozierende Installation aus den siebziger Jahren, als Nam June Paik – ebenfalls ein in New York lebender Künstler asiatischer Herkunft – seine ambivalente Kritik am zunehmenden westlichen Medienkonsum auf ähnliche Weise formulierte, indem er eine meditierende Buddha-Figur vor den spiegelnden Bildschirm eines Fernsehgerätes setzte. Huan nimmt nun einen konkreten Spiegel, der nicht nur die Buddha-Figur, sondern auch den Raum und letztlich einen Ausschnitt der Welt des Betrachters reflektiert. Die weltabgewandte Innenschau des Meditierenden wird somit in eine spannungsvolle Beziehung zur gespiegelten (und damit seitenverkehrten) Realität des Außen gesetzt und vergrößert die begrenzte Dimensionalität des GoetzenHauses in eine prinzipielle räumliche und geistige Unendlichkeit.

Dabei wirkt der meditierende Buddha auf dem von zerbröselnden und zerfallenden Formen gebildeten Sandhügel als einziges stabiles Element in seiner fragilen, in einem Prozess der Auflösung befindlichen, kleinen Welt und erscheint als Manifestation uralter asiatischer Weisheit gegen die Eile und Flüchtigkeit moderner Lebenspraxis. Huan vermag den Betrachter über das spielerische Moment seiner Inszenierung zu packen und zu rühren und öffnet dessen Bewusstsein für die universellen Aspekte seiner Botschaft.