Jörg Herold
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Erdhaus Himmelswärts – Eine Durchstoßlegende








Jörg Herold, Deutschland: »Erdhaus Himmelswärts – Eine Durchstoßlegende«; Fotos: Udo G. Cordes (1), Bernd Kuhnert (2), Jens Schünemann (3/5/6), CH-Foto (4)


 

Nicola Kuhn

Drei mal drei mal drei Meter groß sind die Goetzen-Häuser, doch sie können die Welt bedeuten: die Innenwelt ihres jeweiligen Gestalters. Bei Jörg Herold ist das der Fall. Er gibt Einblick nicht in irgendein Haus, sondern in seine Seelenkammer. Der Betrachter begreift dies sofort, wenn er durch das Guckloch in der Tür schaut und den dunklen Raum erblickt. Erdreich ist hier ausgehoben. Aus dem ebenfalls kreisrunden Bodenloch – dessen exakte Maße von einem Meter Tiefe und fünfzig Zentimetern Breite bleiben jedoch durch die rundum aufgehäufte Erde verborgen – ragt ein Gebilde, das sowohl eine Leiter als auch ein Stamm sein könnte, dessen abgesägte Äste nun als Sprossen dienen. Die aus einem Stahlkern mit Gips bestehende Skulptur führt vom tiefsten Punkt im Erdloch zur höchsten Stelle des Hauses: einer kreisrund ausgesägten Öffnung im Giebeldach, ebenfalls fünfzig Zentimeter groß, aus der Licht in den Innenraum fällt.

»Erdhaus Himmelswärts – eine Durchstoßlegende« nennt Jörg Herold seinen Beitrag. Der Titel erschließt sich sogleich. Die auch in dem Wortspiel Durchstoßlegende angelegte Dynamik des eigentlich völlig statischen Setting, die nach oben gelenkte Blickrichtung, wird verstärkt durch die farbliche Gestaltung des Innenraumes. Er ist rundherum, bis zu einer Höhe von 2,02 Meter (Jörg Herolds eigener Körpergröße), mit schwarzem Bitumen ausgemalt; die verbliebene Zone darüber erscheint in Grau. Dadurch ergibt sich eine dramatische Steigerung vom Dunkel zum Licht. Vom Untergrund der Sockelzone hebt sich, nicht ganz für den Betrachter sichtbar, ein auf die Rückwand geschriebener Fünfzeiler ab. In knappen Worten erklärt der Künstler darin sein Konzept, das er zu einem Poem verdichtet hat: Das Hier und Jetzt dingfest zu bebildern, hinterlässt ein Rauschen an der Front. Besichtigt wird das Resultat, die geahnte Wesenheit vom Ich. Große Gesten bleiben dem Schöpfer vorbehalten. Erde türmt sich auf im Dunkel und der Fluchtweg ist markiert. Licht streichelt eine Krücke, hinab ins Äußerste verschwindend. Wie bei seinem Erdhaus selbst changiert der Eindruck zwischen humorvoller Distanzierung und größter Ernsthaftigkeit. Der gehobene, ja pathetische Ton dieses Fünfzeilers wird gebrochen durch die gewisse Komik seines Inhalts; auch die fast bedrückende Inszenierung des GoetzenHauses besitzt durch die beinahe kindliche Perspektive eines Fluchtpunktes zum Himmel hin eine heitere, tröstliche Seite. Diese Offenherzigkeit beeindruckt und ist wohl auch einmalig unter den GoetzenHäusern. Denn Herold geht auf‘s Ganze: Er gibt Einblick in sein Innerstes, offenbart dessen dunkle, melancholische Seiten und die vielleicht naiv umgesetzte Hoffnung auf Errettung. Für ihn selbst stellt das GoetzenHaus deshalb ein Kraftfeld dar, einen positiven Energieraum. Es besteht immer die Möglichkeit, der Tiefe zu entkommen. Man sollte sie auch genießen können, so Herold im Gespräch.

Sein Fünfzeiler verrät, dass gerade Künstler immer wieder diese Tiefen durchschreiten, durch ihre Arbeit permanent an die Grenze des Existenziellen gelangen. Wenn er von einem Rauschen an der Front spricht, so bekennt er durchaus selbstkritisch, dass alles Bilden, Formen letztlich Oberfläche bleiben muss. Der Betrachter bekommt nur die geahnte Wesenheit vom Ich des Künstlers zu sehen. Humorvoll verweist Herold darauf, dass die großen Gesten, die wahren Kunstwerke mithin, dem Schöpfer vorbehalten sind. Mit wenigen Worten hat er Lust und Frust des Künstlerdaseins umrissen; mehr braucht es nicht zur Selbsterklärung. Die letzten beiden Zeilen schließlich beschreiben das GoetzenHaus selbst, wobei Herold die Perspektive umdreht: Nicht nach oben, sondern unten lenkt er die Aufmerksamkeit, wenn er sein Poem mit den Worten enden lässt: hinab ins Äußerste verschwindend. Die Tiefe bildet wiederum den Ausgangspunkt, sie ermöglicht erst den Gegenpol, das Licht. Mit »Erdhaus Himmelwärts« knüpft Jörg Herold noch einmal an seine sieben Jahre zuvor für die Documenta X in Kassel entstandene Arbeit unter dem Titel »Körper im Köper« an. Auch damals war er mit einem kleinen Raum fast gleicher Dimension als Aufgabenstellung konfrontiert. Auch damals lenkte er die Aufmerksamkeit des Betrachters in die Höhe, hin zu einer Videoprojektion (übrigens ebenfalls über einer 2,02 Meter hohen, dunkel ausgemalten Sockelzone). Gezeigt wurden Bilder aus Leipzig, seiner Heimatstadt. Also auch damals entschied sich der Künstler, der eher bekannt ist für seine Beschäftigung mit Mythen und Geschichtsbildern, zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. Die Situation eines geschlossenen Raumes hat ihn erneut zur Introspektion animiert.