Helen Escobedo
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As time goes by








Helen Escobedo, Mexico: »As time goes by«
Fotos: Udo G. Cordes (1), Bernd Kuhnert (2), Jens Schünemann (3/4/5/6)


 

Herbert Schirmer: Raum als Gedächtnisprojektion

Die herabhängende Glühbirne signalisiert Umzugschaos und verlassene Wohnung. Bei Helen Escobedo wird der nackte, mausgrau getünchte Raum mit dem stumpfen Licht zur Gefängniszelle. Verstärkt und überhöht wird dieser Eindruck durch das vergitterte Fenster in der Tür. Durch dieses geht der Blick auf die Grenzbrücke zwischen Frankfurt (Oder) und dem polnischen Subice. Ungewöhnlich farbig drängt sich diese ausschnitthafte Situation des erweiterten Europa als malerische Einlassung ins Blickfeld. Von Gitterstäben segmentiert und vom Grau des Zelleninneren kontrastreich gesteigert, bietet das Bild von der Oder als bisherigem Grenzfluss, die durchgestylte Uferpromenade und der dynamische Brückenbau ein vitales Äquivalent zur Tristesse der Zelle. Im Raum selbst herrscht düstere Grundstimmung, und dies durch das privilegierte Bezugsmedium der Grafik, deren formale Strukturen zum einen zusammenhängendes Interieur suggerieren und zum anderen als suggestive Zeichen ein Eigenleben führen.

Mit diesem zwanghaft verordneten Refugium, in dem der Besucher auf sich selbst zurückgeworfen wird, insistiert Helen Escobedo nicht auf einen bestimmten Raum, sondern lässt ihren Vorstellungen im zivilisatorischen Sinne freien Lauf. Aus porösen Strichen, die analogisierend in Schwarz und in Weiß ausgeführt sind, erwächst, wie von einem Innenarchitekten entworfen und nach dem Prinzip »All in One« ein fiktiver Wohnraum. Die Strichführung mutet an wie spontaner Impuls, der von hoher Bewusstheit kontrolliert wird und der mehr zählt und erzählt, als die Wochen des Arrestes.

In diesem simulieren übergangslos das Bücherregal und die Leselampe den Rückzugsbereich, Herd und Abzugshaube, die Küche sowie Waschbecken und Toilette, die Sanitärzelle für notwendige Verrichtungen. Wie ein Paradox erzeugt die das Interieur visualisierende Linie ein scheinbar haptisches Raumempfinden in der ansonsten vorherrschenden Leere und Nüchternheit. Feuerlöscher und Klappstuhl als Objekte alltäglichen Gebrauchs erhalten in diesem Zusammenhang eine geradezu rituelle Bedeutung. Sie kommentieren symbolisch den Zustand erzwungenen Aufenthaltes und zeitweilig extremer Situationen. Durch den Strichcode an der Wand, der als Kalendarium dem Zeitfaktor Gestalt gibt, in dem er den Gefängnisaufenthalt strukturiert, wird die Zelle zum politischen Raum. Was hat es mit diesem seltsamen Living Room, in dem sich einschneidende und durch Gewalt erzwungene »Geborgenheit« grafisch markiert, auf sich?

Im Werk der Künstlerin, das durch unterschiedlich angelegte Monumentalität und bestechende Farbigkeit charakterisiert ist und in dem es so gut wie keine durchgehende stilistische Stringenz gibt, finden sich kaum Parallelen zu dieser flüchtig skizzierten Innenansicht, die mehr sein will, als eine auf das Notwendige zusammengestrichene Raumsituation, mit deren Andeutungen sie keinesfalls die perfekte Imitation, die Illusion des Realen schaffen will. Helen Escobedo provoziert vielmehr eine Irritation des nach Rationalität suchenden Auges. Und sie thematisiert ein Raumbewusstsein zwischen unmittelbarer Betroffenheit, reflektierter Erfahrung und Imagination. Dabei nutzt sie die skizzierte Ortsbeschreibung als Mittel der Selbstbestimmung in Raum und Zeit. In dem sie das Haus zum Emblem ihrer sozio-psychologischen Befindlichkeit macht, schafft sie ein politisch und autobiografisch gespeistes Kompositum.

Helen Escobedo versucht erst gar nicht, zwischen Annehmbarem und Unerträglichem zu vermitteln, sie findet nur für sich die Möglichkeit des Umgangs mit den aufgezwungenen Bedingungen. Es ist ihre spezielle Art, dieses Gefangensein zu kommunizieren, es nicht zu verharmlosen, es für sich erträglich zu machen, ihm mit couragierter Haltung zu begegnen. Und sie setzt einen kulturell besetzten Gegencode zur Tristesse des Eingesperrtseins, wobei der gestaltete Raum zum Kulminationspunkt seiner grafischen Erfindung wird. Stereotypen eines standardisierten Handlungsspielraumes, der in seiner Banalität ein Handlungspotential reklamiert, indem der Betrachter selbst Teil des Raumes wird und eine eigene Geschichte memoriert oder wider das Beklemmende inszeniert. Der vermeintliche Inhalt eines solchen Vorgehens bildet sich letzten Endes über die Reflexion der Form heraus. Unterschiedliche Erlebnisse und Zeiten können so und auf diese Weise zur Parallelisierung von Geschichte und Bedeutung des Ortes führen.