Amador
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Interior








Amador, Spanien: »Interior«;
Fotos: Jens Schünemann (1/3/4/5/6), Bernd Kuhnert (2)


 

Dr. Brigitte Hammer: Der schöpferische Augenblick und von der Faszination des Zuschauens

Betreten kann man es nicht – der Betrachter wird zum Voyeur und schaut von außen durch ein kleines Guckloch wie durch einen Spion in das Innere des  GoetzenHauses. Dort glitzert und funkelt es geheimnisvoll golden von den folienbezogenen Wänden, vor denen einige anthropomorphe Figuren aus gelblichem Polyurethanschaum horizontal zu schweben scheinen. An den wulstigen Schaumkörpern kleben dunkle Fasern von welken Gräsern, Reste von Zweigen und Erdkrumen, die von ihrer vorherigen Berührung mit dem Erdboden künden.

Falls der neugierige Späher zuvor die Ausstellung in der Friedenskirche besucht hat, wird er sich an den Entstehungsprozess der Figuren erinnern, den er sich dort in der Sakristei durch eine Videoinstallation vergegen­wärtigen konnte: das Ziehen von Furchen in den Boden am Oderstrand, das Vorbereiten der Grube, das Befeuchten, um die Wände der Grube zu stabili­sieren und den Reaktionsprozess der Chemikalien zu befördern, das Eingießen des flüssigen Kunststoffs, das allmähliche Wachsen und Verfestigen des Schaummaterials bis hin zur behutsamen Lösung des Körpers aus der Mulde.

Unweigerlich drängt sich der Gedanke auf, dass der Künstler mit dieser Art von Schöpfungsprozessen eine zeitgemäße, dreidimensionale Form des actionpainting praktiziert, bei der eigenartige, dreidimensionale Wesen entstehen, die dennoch in gewisser Weise flach bleiben, weil sie nur eine flächenhafte Zweiseitigkeit haben: eine fransige, poröse, rauhe Sei­te, an der die Spuren der Berührung mit dem Boden kleben und eine glatte, gewölbte Seite, die mit ihrer glänzenden Oberfläche dem Himmel zugewandt war. Nun liegen diese eigentümlichen Gestalten steif und bewegungslos im Inneren des GoetzenHauses und bleiben in stummer Kontemplation, schlafend oder träumend, in stummer Selbstgenügsamkeit.

Das Schöpfen ereignet sich als magisches Ritual von großer suggestiver Intensität, sein Ergebnis wirkt aber durch beängstigende Ambivalenz, da die entindividualisierten Gestalten zwar humanoide Formen annehmen, in ihrer schaumleichten Starrheit aber ihre Wesenhaftigkeit irgendwo zwischen Mumie und Humunkulus finden. Verwirrende Schreckensbilder jagen durch den Kopf und lassen an synthetische Klone oder vergrößerte Krank­heitskeime, an Golems kurz vor dem Erwachen, aufkeimende Drachensaat oder andere Topoi abendländischer Mythologie denken. Dennoch strahlen sie ebenso eine spezifische ästhetische Kraft und wunderbare Individualität aus und es ist sehr wohl erkennbar, dass auch eine mehrfache Wiederholung des Schöpfungsvorgangs niemals zwei völlig identische Formen hervor­bringen kann. Mit dem Polyurethanschaum wählte der Künstler ein Ausgangsmaterial, das nur von begrenzter Haltbarkeit ist und sich schneller verändert und zersetzt, als die meisten anderen Rohstoffe, aus denen üblicherweise Kunstwerke geschaffen werden. Da das Material auch im profanen Alltag als Dämmmaterial Verwendung findet, kann immerhin davon ausgegangen werden, dass die Zerfallsprozesse zumindest keine riskanten Resultate hervorbringen. Aber das Wissen vom baldigen Verschwinden vermag doch Empfindungen von Trauer und Bestürzung auszulösen.

In Amadors verschlossenem GoetzenHaus mit seinem sanften inneren Goldglanz treten allerdings die ästhetischen Aspekte der rätselhaften Leiber stärker hervor und stimulieren eher einen visuellen Sinnenreiz und eine spontane Fragelust. Ist es ein Schatz-Haus oder eine Grabkammer? Ist es ein Tempel für eine fremde Gottheit oder eine Alchimistenküche mit un­durchschaubaren, möglicherweise gefährlichen Erfindungen? Ist es ein Monument männlicher Schöpferkraft oder ein Momento Mori? Vielleicht ist es von allem etwas, auf jeden Fall ein Raum feierlicher Stille, der den Betrachter außen vor stehen lässt, was seine Sehnsucht nach der versag­ten Berührung reizt und ihm Anlass bietet, im Rahmen dieses temporären Kunstprojektes über Werden und Vergehen, über Verwandlung, Wachstum, über die ersten und die letzten Dinge zu reflektieren.