Jens Taschenberger / Udo G. Cordes
Gefördert durch:

Symbiose

In diesem Projekt werden ihre unterschiedlichen künstlerischen Ansätze, mit denen sie arbeiten, deutlich, welcher Gedanke liegt dem Projektteil EuropaSkulptur zugrunde?

Der Anfangsgedanke war, Trennendes zu überwinden. Ich wollte an der Oder ein Symbol dafür schaffen, dass es möglich ist Gemeinsames zu errichten. Es ist wichtig, Grenzen nicht nur auszuloten, sondern zu überschreiten. Die Skulptur wurde ursprünglich so angelegt, dass sich aus dem Fluss einer Stahlbahn eine Treppe entwickelt, aus dieser ein Haus und dann wieder eine Treppe am anderen Ende, so dass die Skulptur von beiden Seiten begehbar gewesen wäre. Gleichzeitig sollte die Silhouette wie ein Tor zu beiden Ufern der Oder hin anmuten. Es ging im übertragenen Sinn darum, für Europa ein Tor zu öffnen und ein gemeinsames Haus zu schaffen.

Leider konnte diese Idee aus technischen Gründen, trotz langwieriger Vorarbeit, nicht realisiert werden. Der Gedanke war entweder zu groß gedacht – oder nicht groß genug.

Welche Bedeutung spielte und spielt die Europa-Skulptur »Symbiose« in Ihrem Gesamtkonzept zum Kunstprojekt »Goetzen – Ich und die Anderen«.

Das hat in ihrer jetzigen Form mit der notwendigen Änderung des Konzeptes zu tun. Die ursprünglich geplante Skulptur sollte den Mittelpunkt zwischen den Projektteilen in der Friedenskirche, im Collegium Polonicum und in der Marienkirche bilden. Leider konnten wir die Marienkirche nicht nutzen, da hier der Einbau der berühmten Kirchenfenster vorbereitet werden muss, andererseits war die Realisierung der EuropaSkulptur in der Odermitte nicht möglich. Diese Mitte, das Kraftzentrum, das Symbol für Gestaltungskraft der Menschen musste eine neue Gestalt bekommen.

Im Kontext des Projektes spielt gerade der Gestaltungswille und die Gestaltungskraft eine große Rolle. Sie ist neben Selbstreflexion, Wahrnehmung, Sprache und Glauben eine wichtige Säule unseres Lebens.

Das brachte mich aufgrund der zu diesem Zeitpunkt bevorstehenden EU-Osterweiterung auf die Idee, genau diese zu thematisieren. Auch die EU-Osterweiterung geht auf die Gestaltungskraft weniger Menschen zurück. Ich habe die Gedanken zur ursprünglichen Skulptur mit diesem historischen Prozess verbunden und Europäische Staatsmänner dazu aufgefordert, mir ihre Vision für ein Europa der Zukunft mitzuteilen. Um dem ein sichtbares Zeichen zu geben, habe ich diese Skulptur mit den Schrifttafeln, auf denen ein Auszug dieser Visionen veröffentlicht wird, verbunden.

Zudem trägt diese Skulptur den europäischen Prozess in sich. Sie besteht aus zwei Teilen, die einmal ein Ganzes waren. Getrennt und in neuer Form zusammengesetzt, ist ein neuer Körper entstanden. Kein Teil kann für sich allein stehen, nur in dieser Symbiose ist es möglich, nach oben in Richtung Zukunft zu wachsen.

Kurz nach der EU-Osterweiterung steht die Europa-Skulptur für das Spannungs- und Entspannungsfeld beim Zusammenwachsen der Europäischen Union. Hat die Erweiterung das Thema vorgegeben – oder handelt es sich um ein glückliches zeitliches Zusammentreffen?

Ganz sicher wurde die Arbeit durch die Erweiterung inspiriert. Wie kann das an dieser Stelle in Frankfurt (Oder) anders sein. Noch näher konnte man nicht dabei sein. Europa wird viel größer, viel umfassender. Die Stabilität ist viel sensibler, empfindlicher und anfälliger geworden. Das symbolisiert auch meine Skulptur. Sie steht auf kleinen Füßen und strebt nach oben auseinander – es ist ein gesundes Fundament vonnöten, das die Balance und das Wachstum auch in stürmischen Zeiten gewährleistet.

Das notwendige Fundament bilden die Visionen derjenigen, die an Europa glauben und an der Verwirklichung Europas arbeiten. Stellvertretend für die Vielen sind einige Visionen europäischer Persönlichkeiten für ein Europa der Zukunft auf Edelstahltafeln am Fundament angebracht.

Die EuropaSkultpur steht auf dem Europaplatz, dem jüngsten Platz der Grenzstadt Frankfurt (Oder). Zudem markiert dieser Platz quasi den Campus der Europa-Universität und damit den europäischsten Ort überhaupt in dieser Grenzregion. Warum fiel Ihre Wahl gerade auf diesen Stadtraum?

Der Platz ist sehr neu und ich habe ihn erst im Rahmen der Diskussion als Europaplatz wahrgenommen. Der Vorschlag, ihn einzubeziehen, wurde während intensiver Gespräche von Seiten der Stadt eingebracht. Bei der Besichtigung hat mich der Ort sofort überzeugt, direkt vor dem Gräfin Dönhoff Gebäude der Universität, von vielen jungen Menschen genutzt, in unmittelbarer Odernähe – es ist der ideale Ort!

Vielleicht, wenn der Platz seine endgültige Gestaltung gefunden hat, stehen die Visionen für ein Europa der Zukunft mit ihrem sichtbaren Zeichen, der Skulptur »Symbiose«, im Zentrum dieses jungen und dynamischen Stadtraumes. Es ist somit keine B-Lösung zur ursprünglich geplanten Version geworden, sondern kann als eine zukunftsweisende Lösung gesehen werden. Es liegt in der Prozesshaftigkeit des Projektes, das man an Grenzen stößt und um diese zu überwinden neue Lösungen suchen und finden muss. Diese Prozesshaftigkeit als Paradigma ist mir sehr wichtig und hat das Goetzen-Projekt von Anfang an gekennzeichnet – und die Veränderungen haben immer zu einer Bereicherung in künstlerischer Hinsicht geführt. Es hat sich vieles verändert – dennoch wurde fast alles realisiert, was anfangs geplant wurde.

Und die EuropaSkulptur bleibt als sichtbares Zeichen erhalten ...

Die EuropaSkulptur markiert einen Sommer hoher Kreativität und ebenso das Jahr der Europäischen Erweiterung. Ich denke, dass die EuropaSkulptur »Sym-biose« mit den Statements von Frau Prof. Dr. Gesine Schwan, Herrn Romano Prodi und Herrn Günter Verheugen, die dort zu lesen sind, das Projekt nachhaltig als einen sinnvollen und bereichernden Aspekt in der Erinnerung der Menschen verankert.