Brigitte Hammer
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Die Vision Europa oder über Verhältnis von Idee & Form

Im Zusammenhang mit der jüngst vollzogenen Erweiterung der Europäischen Union durch einige Länder des ehemaligen »Ostblocks« wurde in der Öffentlichkeit viel über die Bedeutung dieses politischen Vorgangs für das kulturelle Selbstverständnis des »neuen Europa« diskutiert. Auch die Künstler-initiative für das Goetzen-Projekt bezog seine ersten Impulse und seine fortdauernden Kräfte aus den neu erwachsenen Möglichkeiten des Austausches und der grenzüberschreitenden Kooperation sowie dem Bedürfnis, die durch die unübersichtlichen Entwicklungen und Veränderungen entstehenden Ängste und Hoffnungen, Zukunftsvisionen und Befürchtungen zu reflektieren und ihre Energien in eine kreative Gestaltung zu lenken.

Neben den Konzepten für die vielfältigen Erscheinungsformen des Goetzen-Projektes, das seiner Natur nach als prozesshaftes, aber zeitlich begrenztes Ereignis konzipiert und durchgeführt wird, entwickelte der Initiator Udo G. Cordes den Plan für ein dauerhaftes Stadtzeichen am öffentlichen Platz, das nicht nur an den Zeitpunkt des Erweiterungsvollzuges erinnern, sondern auch als Memorial für das Kunstprojekt selbst fungieren kann. Seine abstrakte Form, aus zwei aufeinander bezogenen Edelstahlkörpern bestehende, hoch aufragende und schlanke Säule mit dem Titel »Symbiose«, findet ihren endgültigen und angemessenen Aufstellungsort auf dem Europa-Platz in Frankfurt (Oder). Mit der Positionierung auf einem solchen zentralen Platz im Stadtraum erhält die Skulptur einen Zuwachs an essentieller Bedeutung und kann ihre Aufgabe, über ihre visuellen und haptischen Qualitäten Aufmerksamkeit zu erregen und als »Denkzeichen« zu wirken, überzeugend erfüllen. Ihre von geometrischen Flächen begrenzten Volumen strahlen eine unprätentiöse Klarheit aus und verbinden einen aus formaler Zurückhaltung resultierenden ästhetischen Reiz mit konzentrierter Intensität. Ihren anspruchsvollen und vieldeutige Aspekte umfassenden Gehalt vermittelt sie durch eine auf das wesentliche reduzierte Präsenz, die dem schnellen Blick ebenso etwas zu geben vermag wie jenen zeitgenössischen und zukünftigen Betrachtern, denen die Ansicht der Oberflächen nicht genügt.

Die beiden Körper scheinen aus einem schmalen, quaderförmigen Sockel mit quadratischem Grundriss herauszuwachsen. Aus kleinen nebeneinander liegenden Grundflächen streben die Körper nach oben und nehmen dabei kontinuierlich an Volumen zu. Der größere Körper überragt den kleineren und es scheint, als beuge er sich schützend über ihn. Beide Körper berühren sich dabei in einem einzigen nicht sichtbaren Punkt. Nur diese Berührung verleiht beiden eine gemeinsame Stabilität. Allein würden beide stürzen.

Zwischen beiden Stahlkörpern bleibt ein schmaler Abstand, sie bleiben sich jedoch nahe genug, um das Aufeinanderbezogen-Sein aus jeder Blickrichtung wahrnehmen zu können. Gleichwohl scheinen die scharf begrenzten Außenkanten der beiden Teile mit vehementem Elan und spürbarer innerer Spannung auseinander zu streben, so dass sich ein ambivalentes Gefühl von Annäherung und Distanz, Nähe und Fremdsein, Schutzbedürfnis und Freiheitswillen einstellt.

Durch den auffallend hohen, schlanken Sockel gerät die Augenhöhe des Betrachters auf den unteren Bereich der Edelstahlplastik, der formale Schwerpunkt der Skulptur wird damit über seinen Kopf gehoben und sein Blick mit eleganter Dynamik in die Höhe gelenkt. Gleichzeitig wirkt das Stadtzeichen dem Verkehrsrauschen und der Alltagsebene des geschäftigen Hin- und Herlaufens enthoben, und die Wirkung der Arbeit wird gleichsam in einer »höheren Sphäre« ausgelöst, sozusagen dem Alltagsbereich entrückt.

Auch der eilige Passant, der sich nicht die Zeit nimmt, die auf den Schrifttafeln eingelassenen Gedanken europäischer Persönlichkeiten zu lesen und der nicht die intendierten Absichten des Künstlers und den geistigen Hintergrund dieser Arbeit kennt, vermag dennoch über die gestalterische Erscheinung der Skulptur mit ihren harmonischen Proportionen und der edlen Ausstrahlung des Materials ihre ideelle und emotionale Botschaft zu erfassen. So kann dieses Werk unmittelbar, wenn schon nicht als monumentales Zeichen für Frieden und Toleranz im Europa der Zukunft, doch als Ausdruck eines Glaubens an die integrative Energie der Kunst und eines positiven Menschenbildes verstanden werden.