Christina Weiss
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Bild links: Staatsministerin Dr. Christina Weiss; Bild mitte: Eröffnung des Kunstprojektes »Goetzen – Ich und die Anderen« durch die Staatsministerin Dr. Christina Weiss; Bild rechts: von links nach rechts: Präsidentin der Europa-Universität Viadrina, Prof. Dr. Gesine Schwan; Staatsministerin Dr. Christina Weiss; Kurator Udo G. Cordes; Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt (Oder), Martin Patzelt; Fotos: Ministerium für Kultur und Medien (1), Götz Burggraf (2,3)


 

Dr. Christina Weiss, Staatsministerin für Kultur und Medien

Das Kunstprojekt »Goetzen« trägt im Untertitel den Zusatz »Ich und die Anderen«. Gemeint ist damit auch eine Gegenüberstellung des Einzelnen mit dem Fremden, die Suche nach Identität, nach Orientierung und Selbstbildern. Mit der Erweiterung der Europäischen Union haben diese Fragen an Aktualität gewonnen. Ich habe allerdings manchmal den Eindruck, dass nicht jeder gedanklich gleich gut auf diese einmalige historische Chance vorbereitet ist. Künstler hingegen sind mit »dem Anderen« schon von Berufs wegen wohl vertraut. Der Drang, sich auf etwas einzulassen, das man noch nicht kennt, das Verlangen, etwas Neues zu kreieren und diesem Neuen Geltung zu verschaffen, das sind Dinge, mit denen sie tagtäglich zu tun haben. Und mehr noch: All das bedingt auch ihr Tun. Meiner Erfahrung nach herrscht in den Kunstszenen diesseits und jenseits der alten Grenzen ein quicklebendiger Austausch. Kunst ist eine internationale Sprache. Mit ihr kommt Bewegung in die Köpfe, und das brauchen wir mehr denn je. 

Ich freue mich, dass es Herrn Cordes als Initiator des Kunstprojektes gelungen ist, so viele profilierte und renommierte Kunstschaffende zusammen zu bringen. 21 Künstlerinnen und Künstler aus zehn Ländern, aus Mexiko und China, aus Russland, der Türkei und der EU sorgen für die nötige Vielfalt. Das vereinte Europa ist in Frankfurt (Oder) und Słubice vielleicht präsenter als an vielen anderen Orten. An Stellen wie dieser entscheidet sich, ob das große historische Projekt auch wirklich gelingt.

Was mir an dem Kunstprojekt besonders gut gefällt, ist die Art, wie es in der Öffentlichkeit präsentiert wird. Das gilt besonders für die GoetzenHäuser, die in den beiden Stadtzentren aufgestellt wurden. Auf diese Weise werden Menschen erreicht, die zu neugierig sind, um daran vorbeizugehen, in der Regel aber den Aufwand scheuen, in ein Museum oder eine Galerie zu gehen. Dabei bieten die GoetzenHäuser genau das: ein Museum oder eine Galerie.  

Diese äußerlich identischen, im Inneren von dreizehn Künstlerinnen und Künstlern jeweils individuell gestalteten Häuser sind das Gegenteil von effektheischender, schnell verdampfender Event-Kultur. Es sind Orte, an denen sich die geschäftige Gleichförmigkeit des Alltags umkehrt und verwandelt in Ruhe, Sehlust und Versenkung, in Konzentration, Kontemplation und Studium um des Studierens willen.  

Mit großem Interesse habe ich auch einige der Antworten gelesen, die auf die FrageAktion »Was gibt mir in meinem Leben Halt?« eingegangen sind.

Diese Frage rührt an das Innerste, zwingt zum Innehalten und zur Selbstreflexion. Oft bleibt dafür einfach keine Zeit oder man sieht keinen speziellen Anlass, sich zu fragen: Ja, was ist es eigentlich, das meinem Leben Halt gibt? Sind es vielleicht die Künste? War es nicht das geliebte Buch, der beeindruckende Film, die anrührende Arie, das raffinierte Bild? Wenn Kunst es vermag, dass der Betrachter sich direkt in Beziehung dazu setzt, wenn sie ein Leben verändern kann, dann hat sie eine Menge geleistet. 

Es ist diese permanente Aufforderung zur Nachdenklichkeit, die ich am Kunstprojekt »Goetzen – Ich und die Anderen« schätze. Das trifft in besonderer Weise auf den Künstler-Workshop in der Friedenskirche zu, der unter dem Motto »Kein Bild ist wahr« stand. Das gilt aber auch für das Projekt insgesamt. Es trägt den kritischen und selbstkritischen Denkansatz ja schon im Namen. Ein Götzenbild kann ein falscher Gott sein, ein Trugschluss oder eine Täuschung. Es kann sich aber auch genau anders herum verhalten. Das, was für den einen ein Götze ist, ist für den anderen die Projektionsfläche für wahre, echte Anbetung. Es existiert nie nur eine einzig gültige Wahrheit. Es ist immer eine Frage der Perspektive. Und das heißt in diesem Fall: die Bereitschaft, sich mit dem zu beschäftigen, was einem selber vielleicht bislang verschlossen blieb, dem anderen dafür aber um so wichtiger ist. 

Das Kunstprojekt »Goetzen – Ich und die Anderen« will den Geist der Verständigung fördern. Das ist der Grund, weshalb die Bundesregierung diesen künstlerischen Diskurs gern unterstützt hat. Dieses Projekt wirkt nicht nur grenzüberschreitend, sondern will ein Signal setzen für Offenheit und Toleranz, für das gemeinsame kulturelle Erbe Europas. Wir werden in Zukunft noch viel in die gegenseitige Annäherung investieren müssen, wenn wir das ›Andere‹ als Teil des eigenen Ichs begreifen wollen. Eigentlich ist das ein Prozess, der von Natur aus nie zu Ende ist.  

In Frankfurt (Oder) und Słubice kann man die Nähe des vertrauten Fremden überall spüren. Hier ist eine der Werkstätten des neuen alten Europa. Die Kunst weist nach vorne, hat schon Karl Kraus gesagt – folgen wir ihr!