Helge Leiberg
Gefördert durch:

Madonna, Eros, Mensch im Rad, Vertreibung und Apokalypse









Helge Leiberg, Deutschland: »Madonna, Eros, Mensch im Rad, Vertreibung und Apokalypse«
Selbstklebende Klarsichtfolie, Farbe; Fotos: CH-Foto


 

Michael Nungesser

Die Glas-Malereien von Helge Leiberg erwachsen harmonisch aus seinem Gesamtwerk und stellen in ihrer religiösen Thematik und Monumentalität zugleich eine neue Qualität dar. Leiberg wurde 1954 in Dresden-Loschwitz geboren, und ist nach dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste bei Gerhard Kettner seit 1978 freiberuflich tätig. 1984 siedelte er nach Berlin (West) um. Leiberg versucht andere Medien wie Free Jazz, Neue Musik und Tanz in multimedialer Verbindung in die Malerei einzubeziehen. Er bildete mit Michael Freudenberg und A.R. Penck eine Malerband, schuf mit Veit Hofmann Gemeinschaftsbilder zum Tanz, drehte Super-8-Filme und führte zahlreiche Performances durch.

Leiberg hat auf den fünf Kirchenfenstern unter Ausnutzung ihrer gesamten Fläche fünf Themen abgehandelt, die von biblischen Quellen inspiriert sind. Als verbindendes Element taucht im Scheitelpunkt jeder mittleren Fensterbahn ein göttliches Auge auf. Es dominieren je drei, teils Raum simulierende, breitflächig verteilte Farben – Rot, Gelb, Blau, Braun oder Türkis – in die die Figuren in schwarzen Linien eingeschrieben sind: als Körperkontur, Skelett oder schlanke (auch blaue oder rote) Silhouette. »Madonna (Geburt)« steht am Beginn der Fensterserie. Die nackte, ihr Kleines stillende Mutter, über die der Tod schützend seinen Arm hält, erinnert nicht nur an Maria und das Kind, sondern auch an die Schöpfung des Menschen allgemein, auf die sich die gewaltige Hand im wasserblauen unteren Viertel des Bildes bezieht. Das von sattem Gelb dominierte Bild »Eros« zeigt Frau und Mann in raumgreifenden Bewegungen und als sich vereinigendes Paar. »Der Mensch im Rad« wird von drei tanzenden Gestalten gehalten – er erscheint wie ein Artist, weniger als Opfer von Maß und Zeit. Mit der »Vertreibung« setzt Leiberg dem bisher lockeren Treiben ein Ende: Betreten schreitet das Menschenpaar aus dem Bild, hinter ihm die Silhouette einer aufragenden Gestalt, die Arme erhoben, mit großen, die Finger spreizenden Händen. Als letztes folgt die »Apokalypse (Tod)«: Getrieben von den apokalyptischen Reitern, stürzen Menschen herab in das vom Tod beherrschte Reich.

Leibergs motivische Aufnahme biblischer Themen geschieht auf ganz eigene, aus seinem Bilderkosmos abgeleitete Weise und wird von ihm auch parallel weiterentwickelt1. Eros und Tanz spielen im Malstrom2 der Bilder eine große Rolle. Das Leben erscheint lustvoll, festlich, voller Musik. Leben ist Bewegung und Rausch, aber auch Streit und Kampf, Schmerz und Schuld. Heilsverkündung findet sich in den Bildern nicht. Der Künstler begreift die »transformierten Inhalte seiner Arbeiten als metaphorische Hinweise auf Ereignisse in der Gegenwart, die uns bewegen und unmittelbar emotional ansprechen«3. Leiberg hat mit diesen Bildern ein würdiges, die Tradition abwandelndes Pendant zu den (erst 2002 aus Russland zurückgekehrten und restaurierten) mittelalterlichen Glasfenstern der Frankfurter Marienkirche geschaffen.

_____

1 So taucht das Motiv der Hand aus »Madonna« in den Gemälden »Linke Hand« und »Rechte Hand« wieder auf, das Thema der Apokalypse variiert in dem Bild »Getrieben«, und auch die »Vertreibung« gibt es als Tafelbild. Weitere Darstellungen biblischer Motive in Gemälden sind »Der brennende Dornbusch«, »Piet«, »Verkündigung« und »Ecce Homo«. Alle Gemälde in Acryl auf Leinwand stammen aus dem Jahr 2004 und sind abgebildet in: Ausst.-Kat. Helge Leiberg. Bleiben Sie in Bewegung, Ludwig Galerie, Schloss Oberhausen, Kunstverein Oberhausen 2004.

2 Titel einer Gruppenausstellung, an der auch Leiberg teilnahm, im Haus am Waldsee, Berlin 1986.

3 Jürgen Schilling: »Bleiben Sie in Bewegung!«, in: Ausst.-Kat. H.Leiberg, Oberhausen 2004, S. 5-7, hier: 5.