Dmitri A. Prigov
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Perforation







Dmitri A. Prigov, Russland: »Perforation«
2,00 x 0,90 x 0,90 m; Holz, schwarzes Tuch; Fotos: Udo G. Cordes (1), CH-Foto (2/3/4/5)


 

Michael Nungesser

Der russische Künstler Dmitri A. Prigov arbeitet mit einem Raum im Raum, geschaffen eigens für die Ausstellung. Prigov, 1940 in Moskau geboren, hat am Stroganov-Institut für angewandte Kunst studiert und war anfänglich als figurativer Bildhauer mit Architektur gebundenen Arbeiten hervorgetreten, bevor er ab Ende der sechziger Jahre zum Mitbegründer des Moskauer Konzeptualismus und der Soz-Art, dem sowjetischen Pendant zur Pop Art, wurde. Er ist seitdem als Dichter, Schriftsteller, Klang- und Performancekünstler sowie als Organisator tätig. Seine lebens-praktische Kunstauffassung geht von vorhandenen Kommunikationssystemen aus und ist ein Oszillieren zwischen dem Eigenen und dem Fremden: »So dass meine Poetik natürlich ein Mittel ist zu zeigen, dass es einen Bereich der Freiheit gibt, von dem her alle Sprachen sichtbar werden als etwas, das nur in den engen Grenzen der eigenen Axiomatik wahr ist.«1

In Zeiten der Sowjetunion versuchte Prigov, deren ideologischen Organismus durch das »Gen der Reflexion«, wie er selbst sagt, aufzuweichen, etwa durch Übermalen der Regierungszeitung »Prawda« (Wahrheit), deren bezeichnender Name unverblümt als Herrschaftsanspruch gelesen werden kann. Nach dem Zerfall der UdSSR arbeitet er »vor allem mit der in christlicher Kultur verankerten Symbolik. [...] Seine Installationen wurden strenger in der Form.«2 Das gilt sicherlich auch für die Arbeit in der Friedenskirche, die außer dem minimalen Eingriff, dem Gesamtraum gleichsam eine Privatkammer abzutrotzen, von einer vorgefundenen Situation ausgeht. Das (Ast-)Loch in der Kirchentür, durch das man Ausschnitte von Straße und einem angrenzenden Wohnblock erkennen kann, war schon da, erst durch die Inszenierung wird es zu etwas Besonderem. Für Jeden erkennbar, wird es erst durch die Verhüllung hervorgehoben und bewusst wahrgenommen.

Prigovs Installation lässt viele Deutungen zu. Sie lässt an einen Beichtstuhl denken3, mit dem Unterschied, dass man aufgefordert ist, hinter den Vorhang zu schauen. Doch nicht den Priester als kirchlichen Stellvertreter sieht man dort, sondern die Sicht wird, wenn auch fokussiert, nach draußen geweitet. Das Bergende des Kirchenraums, das immer auch ein Ausgeschlossensein der Welt und eine Gefangennahme der Sinne bedeutet, wird aufgehoben. Das Loch in der Tür erinnert dabei an ein Auge – ein Motiv, das Prigovs gesamtes bildnerisches Werk durchzieht4, das »Auge, Symbol für Gottesallmacht und Kontrolle zugleich«5, das (einzelne) Auge als drittes oder inneres Auge oder als Auge der Aufklärung. Doch die Symbolhaftigkeit wird hier profaniert; auch sind wir nicht Objekt der Beobachtung (Observation, Belehrung), sondern Subjekt derselben. Das Guckloch, durch das man heimlich eigentlich das Verborgene und Verbotene zu entdecken wähnt, es geht (zurück) in den Alltag und damit auch (zurück) zu uns. Kein Heilsversprechen mehr weit und breit. Prigov: »Das ist die Kunst der Prädestinierung, gleichsam die Kunst der vorletzten, nicht der letzten Wahrheiten.«6

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1 [Boris] Groys-Prigow. Dialog, in: Ausst.-Kat. Dmitri Prigov. Arbeiten 1975-1995. Hg. Städtisches Museum, Mülheim a der Ruhr u.a. 1995, S. 16, 81-85, hier: 81.

2 Barbara Barsch: Pulsierendes Schwarz. Zu Arbeiten des russischen Künstlers, in: Ausst.-Kat. Dmitri Prigov, ifa-Galerie, Berlin 1999, S. 6-9, hier 7.

3 Der Besucher träte dann an Stelle der knienden Putzfrau oder dem sich verneigenden Klempner – zwei Gestalten, die in vielen Arbeiten Prigovs aus der Sowjetzeit auftauchen.

4 Zentrale Bedeutung hat es in einigen Zeichnungen in Tinte, Tusche und Acryl auf

Zeitung: »Die Augen des Ursprungs«, 1991; »Sie und das Auge«, 1992; »Der Stein und das Auge«, 1992; alle abgebildet in: Ausst.-Kat. Prigov 1995, S. 29, 30, 42-43.

5 Gabriele Uelsberg: Bestien und Worte, in: Ausst.-Kat. Prigov 1995, S. 13-15, hier 15.

6 Groys-Prigov. Dialog, ebd., S. 82.