Judith Siegmund
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Fremde Freier







Judith Siegmund, Deutschland: »Fremde Freier«; Foto: Udo G. Cordes (1), Videostills: Judith Siegmund (2/3/4/5/6)


 

Michael Nungesser

Eine große Rolle spielt auch das Wort bei der Videoinstallation von Judith Siegmund. Die 1965 geborene Künstlerin, die in Dresden unter anderem bei Gerhard Kettner studiert und später ein Aufbaustudium an der Stuttgarter Kunsthochschule absolviert hat, war anfangs Malerin. Die Konfrontation mit der neuen künstlerischen Situation und den damit verbundenen Marktstrukturen im wiedervereinigten Deutschland führte sie zu konzeptuellen Positionen mit verändertem Rollenverständnis. Sie schließt ein Studium der Philosophie an, übernimmt Lehraufträge, hält Vorträge. Ähnlich wie bei anderen Projektteilnehmern – Cordes, Jaeggi, Prigov und Wesoowski – ist Siegmunds künstlerische Arbeit eng mit philosophisch-gesellschaftlichen Fragestellungen verbunden. Ästhetische Form (Fotografie, Film, Installation, Publikation und andere) und Ort (Galerie, Museum oder andere öffentliche Institutionen, Straßenraum) ergeben sich in einer integrativen Strategie aus den vorbereitenden kommunikativen Dienstleistungen der Künstlerin, in die immer schon Organisationen und Menschen einbezogen sind, die auch als mögliche Rezipienten in Frage kommen.

Der Schauplatz des Kunstprojektes »Goetzen – Ich und die Anderen« steht im Zeichen der Grenzsituation. Die beiderseitigen Bilder vom Anderen werden durch Vorurteile, Überlieferungen, Gewohnheiten, Moden und Skandalgeschichten bestimmt, selten durch Tatsachen und eigene Erfahrung. Die Öffnung der Grenze nach dem Ende des Ost-West-Konflikts führte aufgrund des wirtschaftlichen Gefälles zwischen Deutschland und Polen in Subice zu einem Anstieg der Prostitution: die Freier sind zum größten Teil Deutsche aus vielen Regionen, die Sex-Arbeiterinnen kommen vor allem aus Weißrussland, Lettland und Litauen. Prostitution ist das Thema des Videos »Fremde Freier«, nachdem Siegmund in den Jahren zuvor im Projekt »Soziale Geräusche« das Problem der Fremdenfeindlichkeit und des Alltagsrassismus in der Region Frankfurt (Oder) und Subice sowie im österreichischen Graz und in der slowenischen Steiermark untersucht hatte. Die Arbeit mit Fragebögen und (aufgeschriebenen) Gesprächen stand damals im Zentrum, ein Buch fasste das Projekt dauerhaft zusammen: »Ich möchte es als ein Kunstwerk (im Gegensatz zu einem Kunstkatalog) beschreiben, nämlich eins, das die Prozesshaftigkeit der Projekte an den Grenzen nicht nur dokumentiert, sondern wieder aufnimmt und weiterspinnt.«1

Der mit einem DVD-Abspielgerät auf Monitor gezeigte fast halbstündige Videofilm »Fremde Freier« dokumentiert die russisch geführten Einzelgespräche (deutsche Untertitel) mit drei Prostituierten, die in einem der vielen Clubs von Subice arbeiten; sie fanden im Hotel oder in den Räumen des Vereins für soziale Beratung und Betreuung »Bella Donna« in Frankfurt (Oder) statt. Zwei der Frauen ließen sich nur mit dem Rücken zur Kamera filmen. Ihre Erfahrungen sind je nach Temperament unterschiedlich, die Zwangs-lage, die sie zu dieser Arbeit veranlasste, ist es nicht. »Money, money machen! Das war das erste Wort auf Deutsch, was ich lernte.« – »Im Großen und Ganzen sind Männer Diktatoren.« – »Sie sagen, solche Frauen findest du in ganz Deutschland nicht.« Die Frauen verbinden Deutschland mit gesteigertem Ordnungssinn, mit Sparsamkeit – selbst bei der käuflichen Liebe.

Zu Wort kommen die Frauen, die Freier bleiben anonym. Schreitende Männerbeine sind den Gesprächsteilen dazwischen geschaltet. Beide Elemente des Films füllen nicht die ganze Bildfläche aus, sondern erscheinen aus einer schwarzen Maske ausgeschnitten – das schafft Abstand und Raum für Reflexion. Schon zu Beginn wusste die Künstlerin, dass sie »die Beschreibung von Prostituierten als Opfer vermeiden will und sie selbst entscheiden lassen möchte, wie sie ihre Arbeit darstellen«. Damit eng verbunden ist die Absicht, dass sie »nicht die Frauen über ihr Leben befragte, sondern mit Hilfe der Frauen die deutschen Freier zum Thema machte«2. Der Film ist eine nüchterne Dokumentation: Die Frauen reden in ihrer Sprache, vermitteln ihre persönlichen Eindrücke, »keine Sensation, keine Provokation, keine gefilmte Polizeirazzia mit Handschellen...« – es geht der Autorin »nicht um die Verwertbarkeit des Themas im Sinne gut gemachter Kunst«3. Bei der letzten Frage nach der Zukunft weitet sich der Blick, auch filmästhetisch gesehen, denn jede der drei Frauen sieht sie anders – skeptisch, resigniert oder mit Hoffnung, eher passiv beobachtend oder vom eigenen Handeln bestimmt, mit Blick auf die Anderen oder auf sich selbst.

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1 Judith Siegmund: Vorwort, in: diess.: Soziale Geräusche. Słubice, Frankfurt (Oder), Übermurgebiet / Slowenische Steiermark, Graz. Hrsg. vom Forum Stadtpark, Graz 2003 (Deutsch/Polnisch/Slowenisch), S. 9-11, hier 11.

2 Judith Siegmund: Fremde Freier, in: Ausst.-Kat. Künstlerinnenprojekt Goldrausch 2004, Kunstraum Kreuzberg, Berlin 2004.

3 Ebd.