Amador
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Videoinstallation Germinacions











Amador, Spanien: »Video instalación con Germinacions
de poliuretano realizadas en Frankfurt / Oder«
Polyurethanschaum, DVD-Installation; Videostills: Amador (1/5/6/7/8/9), Fotos: CH-Foto (2/3/4)


 

Michael Nungesser

Dem spanischen Künstler Amador geht es um den Menschen. Seine aus Körperformen und einem Video bestehende Installation ist in der ehemaligen Sakristei untergebracht und kann nur vom Eingang her eingesehen, aber nicht betreten werden. 1957 in Pollença auf Mallorca geboren, arbeitet er in einem Grenzbereich zwischen Malerei und Skulptur. »Der Mensch durchzieht als Leitmotiv das gesamte Werk [...] Er ist die Handlungsachse, um die sich alles dreht.«1 Von Anbeginn haben seine Menschen etwas Zeichenhaftes, Urförmiges, tauchen als gliederlose Silhouette auf oder als transparente Gestalten, die in der Serie »L‘home fabricat« (1996-97) aus gleichen seriellen Einzelelementen zusammengesetzt ist, als sei der Mensch ein maschinelles Konstrukt. »Das Verbergen der Subjektivität und die Beschränkungen der ›conditio humana‹ bilden eine poetisch verschlüsselte Erzählung...«2

In den letzten Jahren hat sich Amador mit der menschlichen Gestalt in Form der von ihm so genannten »Germinacions« (Keimlinge) auseinandergesetzt. Einige von ihnen stehen oder liegen in dem dunkel ausgeschlagenen Kirchenraum. Entstanden sind sie in freier Natur. Das Video zeigt den Künstler in der Oder-Flusslandschaft bei Frankfurt. Die Herstellung seiner Figuren findet auf erdigem Grund statt. In ihm »öffnet Amador mit einer Hacke einige Furchen von leicht anthropomorpher Kontur. Danach gießt er eine milchige Flüssigkeit, einen im Baugewerbe als Dichtungsmaterial verwendeten Polyurethanschaum bis zum Rand in die Furche. Nun lässt der Künstler die vergossene Flüssigkeit reagieren, ohne weiter einzugreifen. Wie kolloidale Magma oder Hefeteig beginnt die Flüssigkeit nun Blasen zu bilden und sich auszudehnen. Einhergehend mit der Verhärtung des Materials nimmt sein Volumen zu. Langsam kommt die Metamorphose zum Stillstand, nachdem so etwas wie Protofiguren entstanden sind, deren Reliefs so kapriziös wie beunruhigend wirken.«3 Von den Schlacken der Erde befreit, die aber in Resten noch haften, ergeben sich merkwürdig mumienhafte Gestalten von starker Ausdruckskraft.

Wie Gott den Menschen aus Erde geformt haben soll, so tut dies Amador in umgekehrter Form – zugleich in Anspielung auf den säenden und erntenden Bauern. Er gibt in seinem demiurgischen Akt die Kontur des künftigen Wesens in der Erde vor, lässt aber einen vom Menschen erfundenen Stoff, den Poly-urethanschaum, den eigentlichen Schöpfungsakt, das Keimen, vollziehen; der Weg führt von dem »durch die subjektive Sprache Ausgedrückten hin zu dem, was man als entstehenden Ausdruck der Materie selbst bezeichnen würde«4. Was hier als handwerklich-rohe Handlung erscheint, wird in menschlichen Labors auf höchstem technischen Niveau längst anvisiert. Menschliche Hybris greift immer mehr in die Natur ein, entreißt ihr die letzten Geheimnisse und stößt damit Entwicklungen an, die unkontrollierbar werden. Amador platziert die Figuren an verschiedenen Orten, bezieht sie in Performances ein. Zu diesen Aktionen gehört das Aussetzen ins Wasser; mit ihr »denkt er öffentlich über das Drama der Emigration nach, über die Flucht vor der Armut, die Hunderte von Besitzlosen Tag für Tag erleben, wenn sie sich in einem unsicheren Boot auf dem Meer auf die Suche nach einem besseren Leben machen...«5 Der Bezug zur Arbeit von Helen Escobedo ist hier augenscheinlich.

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1 Michael Nungesser: Der Mensch erschafft sich selbst, in: Aust.-Kat. Amador. Arbeiten

/Obras 1994-1997, Galerie Michael Schultz, Berlin 1998, S. 5-7, hier: 5.

2 Santiago B. Olmo: Amador Magraner. Die Durchsichtigkeit des Körperlichen, in: Ausst.-Kat. Amador, Galerie Michael Schultz, Berlin 1995, o.P. (Amador Magraner ist der vollständige Name, Amador der Künstlername).

3 Fernando Huici: Epiphanie, in: Ausst.-Kat. Amador. Emersions, Galerie Michael Schultz, Berlin 2002, S. 131-133, hier: 131.

4 Ebd., S. 133.

5 Pilar Ribal: Amador: Der Augenblick einer Ewigkeit, in: Ebd., S. 134-139, hier: 139.